#12Monate12Nächte. Nacht Zehn: Emmerlev in Süddänemark – eine Liebeserklärung an das Jedermenschrecht

Emmerlev in Süddänemark – Eine Liebeserklärung hier als Podcast hören. Oder in deiner Podcast App und bei Spotify.

Dieser Text ist eine schon lange überfällige Liebeserklärung. Die Liebeserklärung einer Draußenschläferin, Vogelguckerin, Alleinezelterin und Frischluftfanatikerin. Diese Liebeserklärung lässt sich nicht ganz leicht adressieren, denn sie richtet sich nicht an einen einzelnen Menschen, sondern vielmehr an eine Institution oder besser ein Kulturgut oder vielleicht auch eher eine gesellschaftliche Haltung zu Gemeingütern und Naturerlebnis, die ich in Deutschland so sehr vermisse, wo wir Weltmeister im Einzäunen, Abgrenzen, Beschildern und Privatisieren von Gegenständen, Land, Wegen und Räumen sind, die wir mit weißen, roten und schwarzen Schildern versehen – eine schon aus historischen Gründen unheilvolle Farbkombination – um unmissverständlich klarzumachen, dass hier der „DURCHGANG VERBOTEN“ oder das „ZELTEN UND LAGERN VERBOTEN“ oder sogar das „SPIELEN VERBOTEN“ wird. Spielen ist ein nach der UN Kinderrechtskonvention verbuchtes Kinderrecht. Wieso darf man Kindern das Spielen verbieten?

Neulich fand ich im pittoresken Städtchen Hitzacker an der Elbe ein solches Schild: „BETRETEN DES GRUNDSTÜCKS VERBOTEN! Eltern haften für ihre Kinder“ schrie es mich von der Seite an.

Es stand am Rande einer weiten mit Gänseblümchen bestreuten Wiese, auf der nichts weiter stattfand, als das dort die Gänseblümchen miteinander ein stilles Schwätzchen hielten. Ich schaute mir sehr lange diese Wiese an, lief einmal links und einmal rechts um sie herum, brav die Grenzen des vor meinen Schuhgröße-38-Durchschnittsfüßen zu schützenden Grundstücks einhaltend, um herauszufinden, welchen Schaden ich wohl beim Betreten des Grundstücks anrichten würde. Einmal tippte ich sogar heimlich mit der linken Schuhspitze ganz leicht auf die Wiese, nachdem ich mich mit schuldbewussten Blicken versichert hatte, dass kein Schutzmann mich bei diesem Vergehen sehen, anzeigen und für viele Jahre ins Gefängnis einsperren würde, wo ich über den Schaden sinnieren könnte, den mein Fuß auf der Wiese angerichtet hatte. Zum Glück sah mich niemand, aber ich meinte aus den Augenwinkeln gesehen zu haben, wie ein Gänseblümchen vorwurfsvoll ein Blütenblatt in meine Richtung warf.

Bildung statt Verbote

Die mit der Aufzucht von Kindern vertrauten Personen unter euch haben sich bestimmt in den dicken Büchern renommierter Pädagog*innen angelesen, dass die Maßregelung ungezogener Jungmenschen am besten funktioniert, wenn dafür ein halbwegs plausibler Grund angegeben wird. Aber auch manche Erwachsene haben die von Autoritäten oft als lästig empfundene Angewohnheit, ganz gerne wissen zu wollen, warum sie etwas nicht tun sollen. Ich bin da keine Ausnahme.

Dass eine Maßregelung nicht zwangsläufig als Einschränkung erlebt werden muss, habe ich mal an der Isar im kleinen Örtchen Krün in Bayern erlebt. Bei einem Spaziergang am Fluss fand ich zahlreiche fröhlich bunt bemalte Schilder, auf denen sehr höflich darum gebeten wurde, Flussufer und -bett mit seinen vielen Kiesinseln nicht zu betreten, weil dort der Flussregenpfeifer seine nur mit einer zerbrechlichen Kalkhülle geschützten Jungen bebrütet. Das ist vom Flussregenpfeifer nicht so dumm, wie es sich anhört, denn Eier und Kiesel sind sich so ähnlich, dass hungrige Eierräuber es im Gewirr der Steine nicht so leicht haben, die Eier auszumachen. An einer Brücke hatte man sich sogar die Mühe gemacht, das Modell eines solchen Geleges in einem Glaskasten nachzubilden, so dass sich auch diejenigen Menschen von der Richtigkeit der Schildinformation überzeugen konnten, die von der Existenz noch Flussregenpfeifern im Leben noch nie gehört hatten, geschweige denn von Flussregenpfeifereiergelegen. Vermutlich wissen manche nicht einmal, dass es sich bei dem Flussregenpfeifer um eine Vogelart handelt, die gerne an Flüssen und im Regen pfeift, allerdings auch mal am Strand oder bei Sonne, und insgesamt eigentlich eher schweigsam ist, aber über irreführende Vogelnamen werde ich mich ein anderes Mal an dieser Stelle auslassen.

Ich fand jedenfalls das Bildungsprojekt an der Isar unheimlich gelungen. Die Schildaufsteller*innen und Verbieter*innen in Hitzacker könnten davon sicher noch was lernen. Allein die Mühe, die sich diese Menschen gemacht haben, mir ahnungsloser Spaziergängerin all diese Umstände zu erklären und zu bebildern, rührten mich so sehr an, dass ich mir trotz heißgelaufener Füße ein erfrischendes Fußbad verkniff. Außerdem hat der Flussregenpfeifer auch noch einen so einmalig hübschen gelben Ring um die dunklen Augen, dass man ihm sowieso nichts abschlagen kann.

Die meisten Verbote halten einen ja zum Unterlassen von Irgendwas an, seltener sind solche Verbote, bei denen eine Handlung eingefordert beziehungsweise deren Unterlassen reglementiert wird. Ein Beispiel dafür fand ich an der Ostseeküste in Schleswig-Holstein an einem Wanderweg mit wunderschönem Meerblick. Am Beginn eines Wanderwegabschnitts stand unvermittelt ein Schild: „Keine Drachen steigen lassen verboten“. Da ich zufällig aber keinen Drachen dabeihatte, den ich hätte steigen lassen können, musste ich einen weiten Umweg laufen und stellte mir dabei vor, wie Menschen beim unbedarften Spazierengehen nur für diesen Abschnitt ihre Drachen tragen und steigen lassen mussten, die sich dann auf dem schmalen Küstenwanderweg mit den entgegenkommenden Drachen in der Luft verwirren und verwickeln würden, aber vielleicht war das genau der Zweck des Schildes: Dass man sich mit Fremden ineinander verwickelte und dabei über seltsame Verbote ins Gespräch kam?

Aber zurück zur Liebeserklärung. Was ich so liebe, ist das skandinavische Allemannsretten, das Jedermenschrecht. Ja, ich weiß, es gibt keine Outdoorzeitschrift und keinen Skandinavien-Reiseblog, in dem das Recht, sich frei in der Natur zu bewegen und zu übernachten, noch nicht abgefeiert wurde. Aber es ist ein Kanon, in den ich gerne einstimme, und deshalb möchte ich an dieser Stelle ein Loblied auf das Jedermenschrecht anstimmen, bevor ich mich dem eigentlichen Thema dieser Folge, nämlich meiner zehnten von insgesamt zwölf geplanten Übernachtungen im Jahr 2021, widme:

Loblied auf das Jedermenschrecht

Jedermenschrecht! Sei gespriesen!
Deine Wälder, Deine Wiesen
darf ein jeder Mensch belaufen,
muss kein Eintrittsticket kaufen.

In Gebirgen oder Mooren
legen wir uns auf die Ohren,
betten Kopf auf Pilz und Moose,
saugen Duft von Gras und Rose

ein in unsre müden Lungen.
Während wir mit frohen Zungen
liegend unser Glück besingen,
dass Verbote hier nichts bringen,

sondern dass das freie Wandern,
Lagern, Zelten und die andern
Dinge, die man draußen liebt
hier erlaubt sind. Denn es gibt

nirgends ein „Verboten“-Schild,
wo das Jedermenschrecht gilt!
In der Schweiz und in Norwegen
darf man sich ganz frei bewegen.

Schweden, Schottland, Dänemark,
brauchen keinen Freizeitpark.
Auch an Finnlands Meeresbusen
darf man mit Insekten schmusen,

solange man sich nett verhält,
Müll mitnimmt, kein Bäumchen fällt,
und auch nicht - voll abgefuckt -
dem Fuchs in seine Höhle kackt.

Jedermenschrecht! Dir sei Dank,
dass ich nicht vor Kummer krank
auf solchen Plätzen zelten muss,
wo zwischen Van und Camper-Bus

kaum Raum ist für mein kleines Zelt
geschweige denn Insektenwelt.
Ich lieg im Gras und freue mich
und denk bei jedem Mückenstich:

Jedermenschrecht - ich liebe dich!

Von Dänemark lernen

In Dänemark ist das Allemannsretten nicht ganz so frei ausgelegt wie in den anderen skandinavischen Ländern. Man darf nicht überall ein Zelt aufschlagen, sondern es gibt festgelegte Plätze, auf denen Menschen, die nicht-motorisiert Urlaub machen, übernachten dürfen. Da diese „Shelter“ genannten Plätze aber über das ganze Land verteilt sind, wird man selbst in der Hochsaison immer eine freie Wiese finden.

Ja, ich weiß – auch in Deutschland gibt es Trekking- und Übernachtungsplätze. Aber: Sie funktionieren nicht oder wenigstens fast nie so gut wie in Dänemark. Entweder sind es – wie in Schleswig-Holstein – nur mit einem Schild markierte, gern auch mal sumpfige oder zugewucherte Flächen ohne Plumpsklo oder Wasser. Von der Internetseite wildes-sh.de muss man sich erst mühsam den GPS Code in die eigene Karten-App abtippen, um den Platz zu finden. Ich habe auch schon erlebt, dass ein Platz plötzlich „verschwunden“ war, weil drumherum bei Waldarbeiten der ganze Boden aufgewühlt wurde (nämlich in Sankt Michaelisdonn). Auf den beliebtesten dieser Plätze liegen oft Müll oder bräunlichverschmierte Taschentücher herum, weil „How to shit in the Woods“ leider immer noch kein verbindliches Unterrichtsfach in der Grundschule ist und keiner der Plätze ein Plumpsklo vorgesehen hat. Auf den Plätzen in Süderlügum und Barmstedt fand ich wenigstens einen Spaten. Der Platz in der Segeberger Heide war in der Coronazeit offenbar teils völlig überlaufen. Einige Menschen sind dorthin sogar mit ihren Autos angereist. Andere Plätze wie der beim Schäferhaus bei Flensburg sind zwar wunderschön gelegen und tatsächlich nur zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar, allerdings trübt eine Dauerbeschallung durch die nahegelegene Autobahn das Naturerlebnis. Auf dem eigentlich sehr schön gelegenen Platz Koppelheck an der Ostsee habe ich auf lehmig-matschigem Boden direkt neben dem gut begangenen Ostseeküstenwanderweg gezeltet. Mit der etwas nervigen Begleiterscheinung, dass sich beim Zeltaufbau, beim Anrichten des Abendbrotes und bei meinen Einschlafversuchen zwischen die schreienden Möwen und das Brandungsrauschen der Ostsee die eifrigen Kommentare beständig vorbeiziehender Wandersleute mischten, die in ihrer dauernden Wiederholung eine zermürbende Wirkung auf mich hatten und das Gefühl erzeugten, eher Teil einer Rummelplatz-Attraktion zu sein, als an einem naturnahen Zeltplatz Ruhe und Frieden zu finden. „Guck mal – da zeltet jemand!“ „Guck mal – hier darf man zelten!“ „Ach, das ist ja toll, da zeltet jemand!“ Ein lautstarkes „Wotan! Nein! Hierher!“ gefolgt von Hechelgeräuschen am Zelteingang hinderte mich kurz vor Sonnenuntergang am Eindämmern.

Dann gibt es noch die Trekkingplätze in einigen Nationalparks wie der Eiffel, zu denen ich es nie geschafft habe, weil ich – auch wenn ich es ungern zugebe – mit dem Wandern in Mitteldeutschland vollkommen überfordert bin. Sechs Wochen Zelttrekking durch Skandinavien? Kein Problem! Fünf Tage auf dem Eiffelsteig? Keine Ahnung wie das geht!

Diese Trekkingplätze jedenfalls haben einen für mich entscheidenden Nachteil, den sie mit den Alpenhütten im Sommer teilen: Man muss sie buchen. Ich mag beim Wandern aber nichts buchen. Vielleicht komme ich ja noch an einem Bächlein vorbei, an dem ich dringend zwei Stunden eine weißbäuchige Wasseramsel bei ihren flinken Unterwasser-Spaziergängen auf dem Kiesbett des Baches beobachten muss. Oder ich will plötzlich irgendwo abbiegen. Oder der Platz gefällt mir gar nicht und ich frage lieber eine Bäuerin, ob ich auf ihrem Feld schlafen darf.

Die Shelterplätze in Dänemark hingegen funktionieren so:

Du lädst dir die App „Shelter“ aufs Handy, öffnest die Karte und musst erst mal ordentlich zoomen, weil du sonst vor lauter orange markierten Plätzen Dänemark gar nicht erkennst. Es gibt nämlich in ganz Dänemark rund eintausend solcher Trekkingplätze, auf denen man meist kostenlos oder gegen einen geringen Betrag auf Vertrauensbasis unangemeldet zelten beziehungsweise übernachten darf. Oft ist gar kein Zelt nötig, denn man hat dort Shelter aufgebaut: flache, hölzerne und auf einer Seite offene Menschenregale, die meist Unterschlupf für vier bis acht Personen bieten.

Unterschlupf ist für mich die treffendste Übersetzung für diese Shelter, in die ich, die Unterschlüpferin, hineinschlüpfe und herausgucke. Der Shelter bietet Schutz vor Wind und Regen und manchmal auch Gesellschaft in Form anderer Wandersleute oder Radfahrer*innen oder ein paar Kellerasseln.

Bin ich alleine, mache ich mir die spartanische Kiste so schnell zu eigen, als wäre es eine von mir angemietete Ferienwohnung. Die Isomatte ausrollen, den Schlafsack auslegen, daneben den Kocher positionieren, Jacke auf den Nagel hängen, der immer irgendwo im Shelter-Inneren zu finden ist. Shelterplätze sind perfekte Übernachtungsorte für Menschen, die sich auf klassischen Campingplätzen verloren fühlen und die einen Wasseranschluss und ein Plumpsklo unterwegs für den höchsten Luxus halten.

„Warum werden die nicht kaputtgemacht?“ fragte mich ein Freund, dem ich davon vorschwärmte. „Warum liegt dort nicht alles voller Müll, ist abgebrannt oder überlaufen?“ Ich habe da keine gute Antwort drauf.

Der Shelterplatz Emmerlev

Als ich an diesem Abend Ende Oktober nach gut 16 Kilometern Wanderung vom Bahnhof Klanxbüll am Shelterplatz in Emmerlev ankomme, bin ich jedenfalls wieder sofort verliebt. Mit welcher Aufmerksamkeit und welchem Ideenreichtum man hier das Übernachten im Freien so angenehm wie möglich gestaltet hat, lässt mich vor Begeisterung spontan applaudieren. Neben dem obligatorischen Plumpsklo gibt es einen Wasserhahn, der einfach so aus der Erde rauswächst, eine Feuerstelle, Brennholz, einen Bratenwender, einen Handfeger und eine Säge. Neben einem älteren Shelter gibt es außerdem zwei ganz neue, um 360 Grad drehbare Shelter. Wie bitte? Fragt ihr euch jetzt bestimmt! Ihr habt richtig gelesen. Man kann beide hölzernen Schlafregale zum Sonnenuntergang oder -aufgang hindrehen, der Windrichtung anpassen, zueinander drehen für mehr Geselligkeit oder voneinander wegdrehen für mehr Privatsphäre. Meine Begeisterung kennt jetzt keine Grenzen mehr und ich beginne, spitze Jubelschreie auszustoßen, mit denen ich einen Schwarm rastender Goldregenpfeifer aufschrecke, die sich auf ihrem Weg nach Süden auf dem Acker vor meinem Übernachtungsplatz noch einen kleinen Snack gönnen.

Auf dem Marskstien gibt es drei Übernachtungsplätze mit drehbaren Sheltern, mit denen man viel Spaß haben kann.

Es asselt

Ich richte mich in dem Shelter ein, hänge eine Fahrradlampe an einen Nagel an der Wand und lese noch ein bisschen, bis mir die Augen zufallen. Als ich nachts wach werde, brennt die Lampe immer noch. Ich blinzle, öffne die Augen und erkenne beim Blick an die Holzdecke sogar in meiner Kurzsichtigkeit, dass über mir irgendeine Veränderung stattgefunden hat. Ein Blick durch die Brille bestätigt: Über mir findet eine Versammlung statt. Eine Konferenz, ein Festival oder eine Art Demonstration! Hunderte kleiner, grauer und ovaler Knöpfchen haben sich über mir versammelt und hängen in ruhiger Gelassenheit kopfüber an der Decke. Doch kein Festival, denke ich, dann wäre mehr Bewegung im Spiel. Es sind Kellerasseln in allen Größen, die offenbar ihre Schlafplätze zwischen Brennholzstapeln, in den Ritzen der Holzwände und unter den zu Hockern umfunktionierten Baumstümpfen verlassen haben, um im Schein meiner Lampe gemeinsam auf ein paar köstlichen fauligen Holzresten und angegammelten Blättern herumzukauen. Asseln gehören zu den Krebsen und atmen durch Kiemen, die sie ständig feucht halten müssen. Dafür haben sie ein sehr praktisches Wasserleitungssystem am Körper, das jeden Wassertropfen, der auf dem Rücken landet, immer direkt zu den Kiemen weiterleitet. Ist mal nicht genügend Feuchtigkeit vorhanden, können sie aber auch auf ihre sogenannte Behelfslunge umschalten. Dann krümmen sie ihren Popo nach oben und atmen mit den Hinterbeinen. Asseln sind klasse!

Wasser, Weite, Wolkenzauber

Am nächsten Morgen laufe ich nach Højer, wo ich mir im entzückenden Mühlencafé Coffein ins Blut pumpe und mein Handy auflade, bevor ich auf dem Marskstien weiter Richtung Osten laufe. Die Landschaft ist eher eintönig, viele Weiden, Hecken, Gräben – Marschland eben. Aber durch das wechselhafte Wetter liefern Wolken und Himmel eine spektakuläre Licht- und Farbshow ab und die Weite lässt mein Hirn angenehm schlabberig werden. Kurz vor meinem Ziel – einem Shelterplatz nördlich von Tønder – bleibe ich lange unter einem Baum stehen, in dem sich tausende Stare versammelt haben und hemmungslos durcheinanderreden. Wie auf das Zeichen einer unsichtbaren Dirigentin hin verstummen sie ganz plötzlich, fliegen mit einem gewaltigen Rauschen auf, bilden eine riesige, amöbenförmige Wolke über den Bäumen und verschwinden schnell am Horizont.

Stare erzählen sich was.

Für einen kurzen Moment fühle ich mich ein wenig verlassen. Dann füllt sich mein Körper langsam wieder mit der Weite der Wiesen, Weiden und Wolken, mein Kopf schaltet sich aus und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht laufe ich die letzten Kilometer zu meinem nächsten Shelterplatz bei Tønder.


Die genaue Route meiner dreitätigen Wanderung in Süddänemark, könnt ihr übrigens auf meiner Tourbeschreibung „Wasser, Weite, Wolkenzauber – drei Tage auf dem Marskstien an der deutsch-dänischen Grenze“ nachlesen.

6 Gedanken zu “#12Monate12Nächte. Nacht Zehn: Emmerlev in Süddänemark – eine Liebeserklärung an das Jedermenschrecht

  1. Tja, das ist die Frage: warum ist da nichts zugemüllt, geklaut oder gar beschissen?
    Oder andersrum gefragt: Warum ist es hier so?
    Bedingt der Hang um ganz alltäglichen Vandalismus die deutsche Regelungswut?
    Hier gibt es mittlerweile sehr viele Leute, die Rechte fordern oder vermeintliche Rechte wahrnehmen, aber bloß keine Pflichten.
    wenn ich die Wegwerfer und Fallenlasser mal anspreche kommt dann so sinnloses Zeugs raus wie: Das sichert ja Arbeitsplätze bei der Stadtreinigung. Der See wird genauso zugemüllt, aber da kommt natürlich niemand der hinter ihnen aufräumt. Im NSG Holnis war es mein täglich Brot, die Hinterlassenschaften der nächtlichen Lagerer wegzuräumen. von Feuerstelle bis vollgeschissene Windel. Und die Leute haben das als meine Pflicht betrachtet, denn ich würde ja angeblich dafür bezahlt. (250€/Monat) eigentlich sollte ich da nur ein bisschen aufpassen und Vögel zählen. Weist Du die sauberen Deutschen auf ihre Pflichten im NSG hin, wirst du blöd angepampt.
    In Schweden hat mir mal einer erklärt: Der Wald ist mein Wohnzimmer: Du darfst es Dir gemütlich machen, Du darfst Dir Obst aus der Schale nehmen, aber Du darfst nicht meine Möbel ansägen, Deinen Müll hinterlassen und in die Ecke scheißen.
    Am Rheinradweg habe ich eine kleine, historische offenes Schutzhütte gesehen, das perfekt gewesen wäre, um darin zu übernachten, wäre es nicht als Klo benutzt worden.
    Ich vermute, genau deswegen haben wir kein Jedermannsrecht. Weil bei den sauberen Deutschen die Reinlichkeitserziehung versagt hat und sie erwarten, dass jemand hinter ihnen her putzt.

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    1. „Der Wald ist mein Wohnzimmer“ – vielen Dank für dieses wunderbare Bild!
      Trotzdem bleibt die Frage, warum die Reinlichkeitserziehung hier versagt und anderswo funktioniert? Und was können wir uns vielleicht von Skandinavien abgucken, um mehr Sensibilität im Umgang mit unseren Outdoor-Wohnzimmern zu erreichen? Herzliche Grüße

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  2. Klasse geschrieben. Sehr interessant. Ich mag auch nicht buchen, wenn ich mit dem Mountainbike oder in den Bergen mit Biwak-Sack unterwegs bin.

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