Warum ich nicht mehr fliege

2017 bin ich zuletzt in ein Flugzeug gestiegen. Ich wollte nach Spitzbergen, hatte soviel von dieser faszinierenden Inselgruppe gehört und auch eine Weile als Autorin für www.spitzbergen.de gearbeitet. Tatsächlich hat mich diese Reise nachhaltig beeindruckt, aber ganz anders, als ihr vielleicht vermuten mögt. Natürlich war ich beeindruckt von der arktischen Kargheit, von den riesigen Gletschern, von Robben, Walen, Seevögeln und Eisbären, die man mit viel Glück dort zu sehen bekommt, wo es bis zum Nordpol nur noch 1000 Kilometer weit sind. Was mich aber besonders nachdenklich gestimmt hat, ist der Widerspruch, der an kaum einem anderen Ort auf der Welt so deutlich wird wie hier.

Wo jetzt die Kajaks liegen, endete vor dreißig Jahren diese Gletscherzunge.

Wie alle arktischen Regionen ist Spitzbergen vom Klimawandel besonders stark betroffen. Die Durchschnittstemperatur hat sich hier bereits um fünf Grad gegenüber vorindustrieller Zeit erhöht. Schlammlawinen, Extremwetter, Hitzewellen – Jahr für Jahr werden neue traurige Rekorde aufgestellt. Zugleich lebt Spitzbergen maßgeblich vom Tourismus, der klimafreundlich aber praktisch unmöglich ist. Wer nach Spitzbergen reist, ist in der Regel gezwungen, mit dem Flugzeug oder Kreuzfahrtschiff anzureisen und dabei jedes Mal einen riesigen Koffer an CO2 Emissionen mitzubringen. Nur wenige Reiseveranstalter bieten auch Segelreisen in arktische Regionen an, die eine erheblich geringere CO2 Bilanz haben; zumindest dann, wenn die An- und Abreise zum Startort nicht mit dem Flugzeug erfolgt ist. Darüber hinaus bezieht Spitzbergen seinen Energiebedarf noch immer ausschließlich aus Steinkohle, die zu den klimaschädlichsten Energieträgern gehört. Eine Energiewende hin zu erneuerbaren Energiequellen ist zum Glück aber endlich in Gang. Für den Tourismus hingegen gibt es noch keine Lösung.

Das Dilemma in meinem Kopf

Kognitive Dissonanz nennt man den Zustand, in den eigenen Widersprüchen gefangen zu sein. Kognitive Dissonanz war es schließlich auch, die mein Reiseverhalten verändern sollte. Bei der Rückkehr aus Spitzbergen spürte ich plötzlich: Für mich ist gar nicht mehr wichtig, dass mein individuelles Verhalten kaum Einfluss auf die globalen Treibhausgasemissionen hat. Die Frage: „Was bringt das?“ spielt gar keine Rolle mehr für mich. Ich kann und will schlicht und einfach die kognitive Dissonanz zwischen meinem eigenen Verhalten und meinen Werten nicht mehr ertragen. Einerseits für Klimagerechtigkeit eintreten und andererseits in die Arktis fliegen – dieses Dilemma bekommt mein Gehirn nicht aufgelöst. Ich kriege davon Kopfschmerzen.

Wenn ich diesen Planeten wieder verlasse, möchte ich möglichst wenig Schaden angerichtet, möglichst wenig Müll hinterlassen haben. Was so altruistisch klingt, ist aber auch ein Stück egoistisches Handeln. Denn mit dieser Entscheidung spüre ich auch, wie es mir beim Reisen zunehmend besser geht! Wie ich Spaß daran habe, Zugreisen auszutüfteln, Traumziele nach Bahnhöfen und Bushaltestellen abzusuchen, Abenteuer nicht auf fernen Kontinenten, sondern in meiner Umgebung zu entdecken und auch andere Menschen dafür zu begeistern. Wie ich im Zug Zeit finde zum Lesen, zum Landschaft bewundern, für unverhoffte Zwischenstopps und Städtetrips.

Höchstens alle fünf Jahre möchte ich noch eine Flugreise machen. Das habe ich mir im August 2017 vorgenommen, als ich in Spitzbergens Hauptort Longyearbyen das vorerst letzte Mal ins Flugzeug stieg, das Herz voller Liebe für diese kalte, harsche und doch so empfindliche Landschaft, und zugleich voller Schmerz darüber, dass sie schon in einigen Jahrzehnten nicht wiederzuerkennen sein wird, wenn wir es jetzt nicht schaffen, die Erderhitzung zu begrenzen. 2022 sind diese fünf Jahre um. Ich „darf“ also wieder eine Flugreise machen. Nur: Ich will gar nicht mehr. Ist besser so für mich.

Finden Zugreisen auch gut: Junge Eisbären auf Spitzbergen

Einen Überblick über einige meiner Reisen über 1000 Kilometer Anreise mit Zug, Schiff, Bahn, Bus und Fahrrad findet ihr hier.

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