#12Monate12Nächte – Nacht sechs: „Denn kommt ja das Wild nech!“

„Denn kommt ja das Wild nech!“ hier als Podcast hören oder bei Spotify

Es gibt beim Alleine-Draußen-Schlafen ja jede Menge irrationale Ängste, die einen wie etwas nervige, aber sehr anhängliche Freundinnen begleiten können. Trotzdem sind es Freundinnen, denn schließlich wollen sie mich ja warnen, beschützen, Gefahren vermeiden. 

Eine der weniger irrationalen Ängste ist die Angst, von Jägern ausgeschimpft und – nun ja – verjagt zu werden. Auch von Jägerinnen. Aber Jägerinnen sind eine solche Rarität, dass meine Neugier meine Angst wahrscheinlich verjagen würde. Ich würde behaupten, dass ich mit einer Jägerin sogar ein Gespräch beginnen würde, in dem ich all die Fragen, die ich an das Thema Jagd habe, mal ganz entspannt loswerden könnte. Wenn ich hingegen auf einen Jäger träfe, würde ich mich wohl schweigend oder ängstlich grummelnd davon schleichen.

Das Klischee „Jägerin = freundliche Naturfreundin. Jäger = böser Mann mit Waffe“ ist tief in den staubigen Winkeln meines Gehirns verhaftet und müsste sicher bei einer generellen Klischee-und-Vorurteile-Aufräumaktion in meinem Kopf mal ordentlich ausgelüftet werden.

In dieser, meiner sechsten von zwölf Nächten, die ich in diesem Jahr einmal im Monat draußen verbringen möchte, ist es endlich soweit: Ich erlebe die lange gefürchtete Begegnung mit nicht nur einem, sondern gleich zwei Jägern. Zuvor bin ich rund 60 Kilometer von meiner Wohnung in Hamburg bis nach kurz vor Lüneburg geradelt, eine wirklich schöne Tour. Zunächst ab Hamburg-Zentrum auf vielen autofreien Wegen durch die Kirchwerder Wiesen bis zur Fähre am Zollenspieker. Dann südlich der Elbe weiter auf dem abwechslungsreichen Ilmenauradweg bis nach Lüneburg. Die Jäger finden mich bei Einbruch der Dämmerung kurz vor Lüneburg, als ich an einem Feldrand hinter einer Hecke auf meiner Isomatte sitze und grade zu Abend essen möchte.

Pro Jagd. Contra Jagd. Und irgendwas dazwischen?

Recherchiert man ein wenig zum Thema Jagd, tun sich schnell Fronten auf. Es scheint in dieser Debatte keine Zwischentöne, Grauzonen oder Mittelwege zu geben. Tatsächlich wäre ich bei diesem Thema sehr gerne irgendwo dazwischen. Denn die Argumente beider Seiten überzeugen und verwirren mich gleichermaßen. Lese ich die Argumente der Jägerinnen und Jäger, denke ich „Genau! So ist es!“ und bin überzeugt, dass die Naturgebiete in Deutschland ohne jagdlichen Eingriff unweigerlich verloren wären. Wälder gibt es in dieser Vision zukünftig keine mehr, denn riesige Trupps vandalierender Rehe haben jeden jungen Baumtrieb gnadenlos abgenagt. Abends tummeln sich Wildschweine in unseren menschenleeren Fußgängerzonen, die dann zwar endlich wieder belebt, aber von Wildschwein-Hinterlassenschaften bis zur Unkenntlichkeit verunreinigt wären. Und das letzte friedlich grasende Schaf und das letzte ungelenke Kalb eines gutgläubig grasenden Rindes wurde vom Wolf gerissen.

Wölfe baden in Pools und paaren sich in Ligusterhecken

Mit seinen Kindern, Kindeskindern und Kindeskindeskindern bildet der Wolf dann Großfamilien, die sich in den Speckgürteln der Städte ausbreiten. Dort badet dann die versammelte Wolfsverwandschaft in den zuvor von ihr selbst vollgepissten Swimmingpools, paart sich auf teuren Loungemöbellandschaften und zwischen Ligusterhecken und hinterlässt ihr Geschäft auf den monotonen Kieswüsten, die ihre Besitzer*innen in zynischem Euphemismus beharrlich als „Vorgarten“ bezeichnen.

Ein solches Szenario kann ja niemand wollen. Darüber hinaus sei es widersprüchlich, argumentieren Jägerinnen und Jäger, einerseits Tiere zu essen, aber andererseits ihr Töten zu verdammen. Das gejagte Wild habe schließlich ein schönes und erfülltes Leben im Wald gehabt, freier und glücklicher als jedes Bioschwein. Ein Argument übrigens, das auch in Norwegen sehr populär ist, wenn vornehmlich deutsche Tourist*innen sich über Walfang echauffieren, während sie genüsslich in ein brasilianisches Steak beißen. Aber dazu ein andermal mehr.

Soweit darf es nicht kommen, denke ich! Doch da es guter journalistischer Praxis entspricht, sich auch die Gegenseite anzuhören, lese ich all die anderen Internetseiten und es dauert nicht lang, da bin ich überzeugt: Jagd ist die Wurzel allen Umweltübels, eine fiese Tierquälerei und muss sofort verboten werden! Männer, die mit Gewehren umherschleichen, sind mir ohnehin nicht geheuer und ein generelles Waffenverbot für Männer zwischen 18 und 35 Jahren, halte ich absolut für sinnvoll. Übrigens zum Selbstschutz auch ein generelles Autofahrverbot – in dieser Altersgruppe ist das Risiko, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, für Männer nämlich besonders hoch – und wo wir schon dabei sind, würde ich gern auch durchsetzen, dass Männer sich in Großstädten zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens nur noch maximal zu dritt auf öffentlichen Straße aufhalten dürfen.

Größere Gruppen müssen sich beim Ordnungsamt melden und – wie bei Kampfhunden – einen „Ungefährlichkeitsnachweis“ erbringen, zum Beispiel eine eintägige Prüfung und Aufklärung darüber, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu bewegen haben, um anderen Mitgliedern der Gesellschaft auch etwas Raum zu lassen. Dabei lernen sie dann, brüllen und grölen zu vermeiden und auch draußen in Zimmerlautstärke zu sprechen. Sie lernen, zum Pinkeln in der Öffentlichkeit richtige Toiletten zu benutzen, nachts die Straßenseite zu wechseln, wenn ihnen eine Frau alleine entgegenkommt, auf Sitzplätzen in U- und S-Bahnen die Beine geschlossen zu halten, und… ach, mir fällt noch so vieles ein… . Nach erfolgreich absolvierter Prüfung erhalten sie dann ihr Ungefährlichkeitszertifikat und dürfen auch in größeren Gruppen wieder auf die Straße. Aber ich schweife ab.

Sind Raubtiere, Autos oder Jäger die echten Bewahrer des ökologischen Gleichgewichts?

Wie argumentieren also die Gegner*innen der Jagd: Wenn man dafür sorgte, dass Raubtiere wie Wolf und Luchs zurückkehrten, würde die Jagd langfristig auch unnötig werden, meint zum Beispiel der Verein Wildtierschutz Deutschland e.V.. Schließlich argumentieren Jäger*innen oft, dass sie mit dem Töten des Wildes die Funktion der fehlenden Raubtiere ersetzen würden, die wir in Deutschland allesamt ausgerottet haben. Kommen die Raubtiere zurück, wird die Jagd überflüssig. Ich bin eigentlich bisher davon ausgegangen, dass diese Funktion der Raubtiere bereits ausreichend durch den Autoverkehr ersetzt worden ist. Schaut man sich die flachgefahrenen Fleischfladen an (ein schöner Zungenbrecher übrigens: Versucht mal dreimal hintereinander schnell „flachgefahrener Fleischfladen“ zu sagen), die die Ränder unserer Landstraßen pflastern, könnte man meinen, es brauche weder Wolf noch Jäger, um für ein ausgewogenes ökologisches Gleichgewicht zu sorgen.

Auf jagdkritischen Internetseiten lerne ich außerdem, dass Jäger bei ihren Streifzügen durch Wald und Flur Wildtiere aufscheuchen, wodurch diese mehr Kalorien verbrauchen, also hungriger werden und in der Folge mehr Baumtriebe abfressen – der Jäger ist also Schuld, wenn es dem Wald schlecht geht. Interessanterweise warten Jagdbefürworter*innen mit einem ganz ähnlichen Argument auf: Nicht etwa der Jäger, sondern der Wolf scheuche das Wild auf, weshalb es mehr Kalorien verbrauche, hungriger sei und mehr Baumtriebe abfresse. Der Wolf ist also schuld, dass es dem Wald schlecht geht!

In meinem Kopf verschmelzen all diese Argumente zu einer actionreichen Verfolgungsszene, in der Jäger mit angelegter Waffe lechzenden Wölfen hinterherrennen, die wiederum abgemagerten und hungrigen Rehen hinterherrennen, die wiederum noch im Weglaufen verzweifelt versuchen, rechts und links frische Baumtriebe abzureißen.

Und die Verwirrung reißt nicht ab, Berge von Fragen türmen sich auf, die im Gewirr der Internetseiten zum Thema Pro und Contra-Jagd  keine Antworten, sondern nur noch mehr Fragen aufwerfen.

Schlafplatz ohne Jäger. Dafür mit Hase am Horizont.

„Wollnse hier übernachten.“

Als die beiden Jäger mit ihrem Range Rover langsam den schmalen Feldweg entlangfahren, an dessen Ende ich mir am Rand einer Wiese gerade ein schönes Schlafplätzchen einrichten wollte, habe ich all diese Fragen leider nicht parat. Noch bevor der riesige schwarze Wagen hinter der Hecke zum Stehen kommt, die mich nur spärlich vor den Blicken der Jäger schützt, raffe ich meine Sachen zusammen, versuche möglichst harmlos auszusehen und so zu tun, als picknicke ich nur ganz zufällig genau hier. Auf meiner Isomatte. Zugedeckt mit meinem Schlafsack. Die Zahnbürste locker aus der Hemdtasche hängend. Denn wer hat nicht bei einem kleinen abendlichen Picknick Isomatte, Schlafsack und Zahnbürste dabei?

„Wollnse hier übernachten.“ Das obere Drittel eines Herrn in den 70ern schaut durch die Hecke hindurch. Ich sehe nur sein rötliches Jägergesicht und den Lauf einer Waffe, die wie ein mahnender Zeigefinger über seiner Schulter in den Himmel zeigt und beschließe, zunächst mit einem fröhlich-harmlosen „Hallo!“ zu antworten und damit etwas Zeit zu gewinnen.

Die Aussage wird wiederholt. Diesmal schärfer: „Wollnse hier übernachten!“

Ja, das würde ich gern, hätte ich gern geantwortet. Wenn Sie nichts dagegen haben. Ich esse gerade zu Abend, wollen Sie sich nicht dazu setzen und mir ein paar Fragen beantworten, hätte ich gern gesagt. Eine Frage, die ich zum Beispiel gern gestellt hätte, ist die, warum laut Naturschutzgesetz geschützte Tierarten wie Rebhuhn, Waldschnepfe und Feldhase gejagt werden dürfen. Wovor genau sind diese Tiere denn dann geschützt, wenn nicht vorm Erschossen-werden? Warum werden Wildtiere im Winter gefüttert, wenn man doch eigentlich den Bestand niedrig halten will? Essen Sie noch brasilianisches Steak? Und welche Erfahrungen gibt es eigentlich mit Gebieten, in denen nicht gejagt wird, wie zum Beispiel im jagdfreien Teil des Nationalparks bayerischer Wald?

Nun ja. All diese Fragen stelle ich nicht, sondern antworte betont harmlos: „Ich wollte hier eigentlich grad nur noch kurz was essen.“ Das stimmt tatsächlich. Es ist ungefähr 19 Uhr und nach meiner Radtour habe ich mächtig Hunger. Der Thermobecher mit dem heißen Reiscurry steht schon aufgeschraubt parat. Als Antwort höre ich nur ein Geräusch wie „Hmpf“. Oder vielleicht auch eher „Mpfh“. Oder „Grmpf“.

Dann höre ich eine zweite, deutlich jünger und deutlich freundlicher klingende Stimme: „Guten Abend. Mein Opa möchte gern hier jagen. Und ich da drüben. Es wäre wirklich sehr freundlich, wenn Sie sich vielleicht woanders hinsetzen würden.“

Ha. Dem kann ich sicher alle meine Fragen stellen. Höchstens 19 ist der rotblonde, wirklich überaus freundlich auftretende Mann, der einen dunkelblauen Kapuzenpullover mit einem Logo der „Landjugend Amelinghausen“ trägt.

„Könnte ich noch kurz hier sitzen und mein Essen aufessen? Dauert nur eine halbe Stunde oder so“, frage ich und will mit der Einladung zum Gespräch fortsetzen, als es hinter der Hecke laut motzgrummelt: „Denn kommt ja das Wild nech!“

Neuer Schlafplatz und Besuch am Morgen

Der Subtext dieses Satzes ist unmissverständlich. Ich schraube meinen Thermobecher zu, packe meine Fahrradtaschen und ziehe von dannen. Der junge Landjugend-Jäger bedankt sich artig und wünscht mir noch einen schönen Abend. Ich möchte ihm noch zuraunen, dass sein armer Großvater offenbar Defizite in seiner sozial-kommunikativen Entwicklung hat und sicher Hilfe bei dem ein oder anderen Seniorenzentrum bekommen könnte, aber das traue ich mich dann nicht mehr.

Bald finde ich einen anderen Feldrand, genauso schön, nah an der Ilmenau, auf der sich ein paar Stockenten über das graue Wetter oder was auch immer beklagen. Keine Sorge, rufe ich ihnen zu, ich bin unbewaffnet und vegetarisch. Links von mir wachsen niedrige Weiden, die über meinem Lagerlatz ein grünes Dach bilden. Rechts von mir platziere ich mein Fahrrad, das als Regal und Wildschweinschutz dienen soll.

Mein Dach für die Nacht.

Ich schlafe dann schlecht, warte auf Schüsse, es kommen aber keine, ich will nicht noch einmal von Jägern gefunden werden, aber auch nicht ganz unsichtbar sein mit dem Wissen um zwei bewaffnete Männer in der Nähe, die mich unter Umständen mit Jagdbarem verwechseln könnten. Ich möchte bei meinem sechsten Übernachtungsabenteuer nur ungern von einem schlechtgelaunten Jäger, aber ebensowenig von einem freundlichen Landjugendlichen versehentlich erschossen werden. Und da ist sie wieder. Meine irrationale Angst, die nervige Freundin.

Am Morgen ist es ganz still, nur das Blätterdach über mir raschelt leicht. Ich fummele meine Brille aus dem Gras, blicke auf und schaue direkt auf zwei Feldhasen, die nicht allzu weit von mir entfernt abwechselnd aus dem Gras schauen. Mal sieht man nur ein paar Ohren. Mal gar nichts. Dann wieder zwei aufrecht sitzende Hasenoberkörper, die sich kauend umschauen. Während ich mein Müsli anrühre, kommen sie näher, laufen ein paar Meter auf mich zu und verschwinden schließlich zwischen den langen Gräsern der wilden Wiese gegenüber. Feldhasen gelten laut roter Liste in Deutschland als „gefährdete Tierart“ und gehören nach der Berner Konvention – einer Naturschutzvereinbarung des Europarates –  zu den geschützten Tieren. Gejagt werden dürfen sie hier trotzdem, allerdings nur von Mitte Oktober bis Ende Dezember. Jetzt im Juni haben sie frei.

Ich nehme einen Schluck Tee und kann nicht aufhören zu grinsen. Das Wild ist doch gekommen. Zumindest das geschützte. Waidmannsheil.


Die Route

Beim Klick auf die Karte öffnet sich die Route in Open Street Maps. Dort lässt sich auch die GPX Datei der Tour dowloaden.

Quellen

Wildtierschutz Deutschland – ein Plädoyer für die Abschaffung der Hobbyjagd

Jagdkarte.at – Argumente für die Jagd

Planet Wissen – Pro und Contra Jagd

NABU NRW – der Feldhase

Statistisches Bundesamt – Verkehrsunfälle von Frauen und Männern

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