#12Monate12Nächte – Nacht fünf: Punsch in Süderlügum statt Camping auf Amrum

Punsch in Süderlügum hier als Podcast hören oder bei Spotify.

„Wir bekommen zur Zeit täglich 600 Mails, die können wir gar nicht alle beantworten.“ Der Mitarbeiter, bei dem ich am 1. Mai für eine Übernachtung auf dem Campingplatz auf meiner nordfriesischen Lieblingsinsel Amrum einchecken möchte, schaut kaum hoch, als ich ihn etwas fassungslos anstarre. Ganz gleichgültig ist es ihm aber offenbar auch nicht, dass er mich von seinem Campingplatz wieder wegschicken muss. Wieder und wieder schaut er auf seinen Computer und scheint genau wie ich erst jetzt zu begreifen, was seine Absage bedeutet: Amrum ist Anfang Mai 2021 als „Corona-Modellregion Tourismus“ nur für Autofahrer*innen zugänglich. Wer zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen möchte, für den gibt es auf der Insel keine gültige Quarantäneregelung und damit auch keine Unterkunft.

Kilometerweit nur Strand – der Kniepsand auf Amrum

Es gab im Mai 2021 nämlich nicht – wie zum Beispiel auf Mallorca – ein zentrales Quarantänehotel oder ähnliches, sondern es oblag der Pflicht der Gastgeber*innen, mich quarantänegerecht unterzubringen. Da natürlich kein Gastgeber und keine Gastgeberin – und ein Campinglatz schon mal gar nicht – eine unbestimmte Zahl an Räumen für einen unbestimmte Zeitraum für eine potentielle Quarantäne freihalten kann, musste die Abreise von Amrum unter Quarantäne im eigenen Auto stattfinden. Unmöglich mit dem Rad. Unmöglich in Bus und Bahn.

Wie das denn mit den Bemühungen zu nachhaltigerem Tourismus vereinbar sei, frage ich trotzig. „Ich bin ganz bei Ihnen. Trotzdem muss ich sie wegschicken. Es tut mir leid.“ antwortet er – jetzt sichtlich geknickt.

Ich hatte mich wirklich sehr auf Amrum gefreut. Meine fünfte von zwölf Draußennächten in 2021 wollte ich hier verbringen, obwohl ich für mein kleines Outdoorprojekt „normale“ Campingplätze eigentlich ausgeschlossen hatte. Aber Amrum ist ein hochsensibler Naturraum mitten im Nationalpark Wattenmeer, darüber hinaus ziehen im Frühling tausende Gänse und Watvögel über die nordfriesischen Inseln hinweg, viele sind mit Brüten und Balzen beschäftigt und in dieser Zeit besonders empfindlich gegenüber Störungen. Deshalb wollte ich hier auf keinen Fall wild zelten oder übernachten.

Zwei Stunden radele ich noch über die Insel und versuche mit wütenden Tritten in die Pedale das Gefühlskarussell zwischen Unglauben, Enttäuschung und Verständnis in meinem Kopf zu ordnen. Dann nehme ich die letzte Fähre zurück zum Festland. Zum Glück sind es vom Fährhafen in Dagebüll aus nur knapp 30 Kilometer bis nach Süderlügum. Dort will ich auf dem Übernachtungsplatz des Wilden Schleswig-Holstein um Asyl suchen. Das sollte ich bekommen – und Punsch und Schokolade noch dazu. Aber dazu später.

Wie Kaugummi, das in den Haaren festsitzt

Als meine Gefühlsachterbahn allmählich etwas gemächlicher rollt, schält sich vor allem dieses eine Gefühl aus dem emotionalen Wirrwarr heraus. Ich kenne es schon aus anderen Situationen. Man kann es am besten so beschreiben: Habt ihr schon mal gesehen, wie sich ein Kaugummi in langen, lockigen Haaren festsetzt? Ihr werdet es da nicht so einfach wieder raus bekommen. Genauso ist es mit diesem Gefühl. Ich nenne es „Klimafrust“ und es bezeichnet die Enttäuschung darüber, was in einer gesellschaftlichen Krise alles möglich sein könnte, wenn es denn politisch gewollt wäre, aber nicht geschieht.

Ich muss das an dieser Stelle vieleicht noch einmal ganz deutlich sagen. Mein Frust richtete sich nicht gegen den Betreiber des Campingplatzes. Auch nicht grundsätzlich gegen die Maßnahmen im Rahmen der „Modellregion Tourismus“. Aber: Hallo? Schon mal jemand was von der Klimakrise gehört? Wo bleiben das Engagement, der Ideenreichtum und meinetwegen auch das straffe Reglement, mit dem die Tourismusbranche der Klimakrise angemessen begegnet?

Also, ich hätte da ein paar Vorschläge für eine „Klimaschutz-Modellregion Amrum“:


Acht Maßnahmen für eine Klimaschutz- Modellregion Amrum im Mai 2022

§ 1 Die touristische Anreise auf die Insel Amrum ist nur noch in Ausnahmefällen mit dem Auto möglich (z.B. bei einer Gehbehinderung oder anderen körperlichen Einschränkungen). Der Gepäcktransfer von der Fähre zur Unterkunft wird mit Elektrofahrzeugen organisiert (siehe Beispiel Helgoland).

§ 2 Der Campingplatz wird autofrei (siehe Vorbild Spiekeroog). Die frei werdenden Stellplätze werden mit komfortablen, sogenannten „Glampingzelten“ und Tinyhouses bestückt und vermietet.

§ 3 Die auf der Insel überflüssig gewordenen Parkflächen für Autos werden in Spielraum für Kinder, Naturflächen und gemeinschaftlich nutzbare Flächen umgewandelt.

§ 4 In den Restaurants und Cafés gibt es zu den üblichen vegetarischen und veganen Gerichten jeweils nur noch eine Fleischalternative auf der Speisekarte. Diese darf nur von Personen konsumiert werden, die ihre im Monat maximal erlaubten individuellen CO2 Emissionen noch nicht überschritten haben. Dies wird mithilfe einer App ermittelt. (Konkret: Wer im März schon nach Mallorca geflogen ist, bekommt im Mai auf Amrum nur noch Gemüse oder nachhaltig gefangenen Fisch.)

§ 5 Die Kurtaxe wird auf 10 Euro erhöht. Wer bei seinem Strandspaziergang am weiten Kniepsand Plastikmüll sammelt, bekommt die Kurtaxe erstattet (pro Liter Müll gibt es einen Euro zurück).

§ 6 Wer sich an Vogelzählungen oder dem Bau von Brutschutzzäunen beteiligt, erhält ein „Ich bin Artenschützer*in“-Zertifikat und im Café Schult in Norddorf ein Stück Apfelkuchen gratis.

§ 7 In den Gaststätten wird für To-Go-Produkte ein Pfand-Mehrwegsystem eingerichtet, so dass jede Mehrwegverpackung in jedem beliebigen Café oder Restaurant wieder abgegeben werden kann. Wer eigene Verpackungen mitbringt, bekommt zehn Prozent Rabatt.

§ 8 Die Maßnahmen werden als Pilotprojekt im Mai 2022 durchgeführt und wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Eine Fortsetzung der Maßnahmen wird angestrebt.


Übernachtungsplatz Süderlügum

Dieses Maßnahmenprogramm erarbeite ich, während der Rückenwind mich von Dagebüll nach Süderlügum pustet. Am Übernachtungsplatz angekommen, ist das symbolische Kaugummi im Haar schnell vergessen. Es gibt zu viel zu gucken, um weiter Trübsal zu blasen: Hier finde ich nicht nur eine kleine, von Wald umgebene Rasenfläche für ein bis zwei Zelte, sondern auch ein Shelter, in dem man vor Wind und Regen geschützt übernachten kann, außerdem den Luxus von zwei Holzbänken mit Tisch. Damit hat man sich hier – nur wenige Kilometer von der dänischen Grenze entfernt – offenbar ein Beispiel an den kostenlosen, dänischen Shelterplätzen genommen. Zwar fehlen wie in Dänemark üblich ein Wasserzugang und ein Plumpsklo, aber immerhin hängt ein großer Spaten an der Außenseite der Shelterwand – der appellative Charakter des prominent platzierten Werkzeugs ist kaum falsch zu verstehen.

Das Highlight dieses Platzes ist jedoch ohne Frage der dunkelschimmernde Waldteich mit winziger Insel, auf die man sich mit einem kleinen Seilfloß ziehen und sich mit etwas Fantasie und halb zugekniffenen Augen wie ein nordfriesischer Robinson fühlen kann.

„Oh, da zeltet jemand!“

Ich baue mein Zelt gerade rechtzeitig vor einem einsetzenden Regenschauer auf, werfe den Kocher an und lausche in den Regen. Die Straße, von der ich zum Platz abgebogen bin, ist noch hörbar. Plötzlich dringen auch Stimmen durch, kommen näher. In solchen Situationen setzt bei mir immer ein interessanter dreiphasiger psychologischer Prozess ein: Phase 1: Ich spüre inneren Widerstand. Ich will hier alleine sein. Das ist mein Platz. Ich war zuerst da. Phase 2: Ein mulmiges Gefühl, vielleicht sogar ein wenig Angst kommt hoch und da ich im Zelt nicht sehe, was draußen passiert, versuchen meine Ohren angespannt, das Gefahrenpotential einzuordnen: Handelt es sich um Jugendliche oder Erwachsene? Männlich, weiblich oder divers? Ist Alkohol im Spiel?

„Oh, da zeltet jemand.“ höre ich eine erwachsene, weibliche Stimme sagen. Sofort meldet mein Gehirn Entwarnung: Die Anwesenheit einer weiblichen Person in einer kleineren Gruppe Menschen verringert mein subjektives Angstempfinden spontan um mindestens 80 Prozent. Ich höre, wie sich einige Menschen vielerlei Geschlechts neben meinem Zelt am Tisch niederlassen. Sie sind trotz des Wetters unüberhörbar gut gelaunt, und schneller, als ich meine tief verinnerlichten Vorurteile korrigieren kann, ordnet mein Ohr sie nach wenigen Minuten gängigen, zugegeben recht klischeehaften Kategorien zu: Über 50jährig, weiß, wahrscheinlich zwei heterosexuelle Paare, mit E-Bikes – für mich allerhöchstens nervig, aber wohl ungefährlich.

Nun setzen Phase 3 und 4 ein: Reflexion und Handlungsentscheidung. Um die Luft anzuhalten, regungslos zu erstarren und so zu tun, als läge ich gar nicht im Zelt, ist es zu spät, denn mein Kocher schickt unmissverständlich und beharrlich Rauchzeichen durch das leicht geöffnete Vorzelt. Also atme ich tief durch und besinne mich auf eine Strategie, die sich bei all meinen Alleine-Abenteuern immer als konstruktivste Handlungsweise erwiesen hat, wenn sie mich auch jedes Mal etwas Überwindung kostet: Das offensive Auf-die-anderen-Zugehen. Ich öffne das Zelt also etwas weiter, strecke meinen Kopf heraus und begrüße die vier Menschen, die es sich im Nieselregen mit allerlei Leckereien offenbar so richtig gemütlich gemacht haben. Meine Augen bestätigen schnell die von meinen Ohren gemachte Erstkategorisierung. Und schnell passiert das, was am Alleine-Unterwegssein mit zu den schönsten Erlebnissen gehört: Ein unterhaltsames, sogar lustiges Gespräch von Zelt zu Holztisch mit Menschen, mit denen ich im Alltag wohl nur wenig Gemeinsamkeiten habe.

Mir wird Punsch und Schokolade angeboten, ich werde für meinen Mut bewundert und auch etwas bedauert ob des schlechten Wetters und der Temperaturen um 10 Grad. Nachdem ich mich wieder ins Zelt zurück verkrochen habe, bekomme ich noch mehrmals Punsch und Schokolade ins Zelt gereicht. Verabschiedet werde ich mit vielen wohlmeinenden Ratschlägen, von denen mir vor allem derjenige in Erinnerung bleibt, ich solle mich vor dem „Buschermann“ – mit langem u – in Acht nehmen. Den Buschermann kannte ich noch nicht, aber ich erfuhr leider auch nicht mehr über das konkrete Bedrohungspotential eines Buschermanns. Fremdwort.de schlägt mir später vor, dass „Buschemann“ eine Abwandlung von „Butzemann“ sei und „eine gespensterhafte, kobold- oder zwergenartige Figur“ darstellt.

Ich amüsiere mich noch eine Weile über diese Warnung und philosophiere darüber, ob es vielleicht einfacher ist, die eigenen Ängste auf eine irrationale Figur zu übertragen, als sich der Realität von Corona- und Klimakrise zu stellen. Oder muss man den Buschemann/ Butzemann als eine Metapher für mögliche männliche Gewalt betrachten? Das wiederum wäre deutlich weniger irrational, wenn auch die größte Bedrohung durch männliche Gewalt ja bekanntermaßen in der eigenen Wohnung besteht – und viel seltener im eigenen Zelt. Aber eigene Ängste lassen sich von solchen statistischen Realitäten leider nur bedingt beeinflussen.

Ich schlafe jedenfalls friedlich, vom Punsch sanft eingelullt und vom Buschemann unbehelligt ein, so dass ich am nächsten Morgen schön ausgeruht noch viel Zeit am Teich mit dem lustigen Ziehfloß und auf der winzigen Insel verbringe, auf der man kaum fünf Schritte in jede Richtung tun kann. Trotz der etwas eintönigen Umgebung und der Nähe zur Straße, gehört der Übernachtungsplatz in Süderlügum zu meinen Lieblingsplätzen des Wilden Schleswig-Holsteins. Wie viel von meiner Begeisterung jedoch der netten Begegnung mit den freundlichen E-Bikern und dem unerwarteten Punschgenuss zuzuschreiben ist, vermag ich heute nicht mehr zu sagen.

2 Gedanken zu “#12Monate12Nächte – Nacht fünf: Punsch in Süderlügum statt Camping auf Amrum

  1. Wieder eine sehr schöne Folge!
    Ich möchte noch anregen, dass wir nächstes Jahr 2-3 Ranger einstellen, die den Leinenzwang und nötigen Abstand zu ruhenden Seehunden, Robben und brütenden Seeschwalben auf dem Kniepsand durchsetzen. Und: Kann man auch Mohnkuchen von Schult kriegen? ;D
    Liebe Grüße, Ingke

    Gefällt 1 Person

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