Zwischen Industrieromantik und Strandfeeling – #12Monate12Nächte, Nacht Vier

Zwischen Industrieromantik und Strandurlaub hier als Podcast hören – oder bei Spotify.

Dass der April in diesem Jahr der kälteste April seit Jahrzehnten werden sollte, ahne ich natürlich noch nicht, als ich am späten Nachmittag vor Karfreitag aufbreche, um mit der S-Bahn weit nach Westen aus Hamburg herauszufahren. Knapp zwei Grad sind für die Nacht angesagt – und auch wenn mein Schlafsack angeblich einen „Komfortbereich“ von minus elf Grad haben soll, habe ich in leidvollen Selbsttests meine persönliche Schmerzgrenze inzwischen so bei plus vier Grad angesetzt. „Komfort“ ist ein dehnbarer Begriff. Und Kälteempfinden eben extrem subjektiv.

„Das wird jetzt eiskalt durchgezogen“, denke ich mir beim Aufbruch und entschuldige mich hiermit für den schlechten Wortwitz. Schleswig-Holstein ist von Hamburg aus mit Rad und S-Bahn schnell erreicht und nach ein paar Kilometern die Elbe hoch richte ich mich an einem lauschigen Plätzchen am Strand ein. „Lauschig“ ist dabei auch so ein subjektiver Begriff. Klar, der weiße Strand ist fast absurd schön, wenn man die Nähe der Großstadt bedenkt. Ein feiner Baum streckt seine Äste in den blauen Abendhimmel und scheint auf seinen von der Tide freigespülten Wurzeln fast zu tanzen. Frühlingsgrüne Weiden wetteifern mit den weiß leuchtenden Blüten vergessener oder vielleicht auch versehentlich gepflanzter Obstbäume um die Wette. Auf dem dahinter liegenden Deich grasen gleichmütig ein paar Schafe. Schreiend macht ein Austernfischer auf sich aufmerksam.

Doch der Eindruck täuscht. Im Prinzip befinde ich mich mitten in einem Industriegebiet. Es scheint sogar, als ob alles, was an Öl-, Chemie und fossiler Energie-Industrie im Hamburger Hafen keinen Platz mehr gefunden hat, sich wie an einer Perlenkette das Elbufer hoch bis hin zur Nordsee aufgereiht hat. Für umweltbewusste Menschen allerdings wohl eher eine Perlenkette des Schreckens. Nachdenklich lasse ich den Blick nach Nordwesten schweifen, vorbei an riesigen Strommasten, Containerschiffen und begrünten Sandbänken.

Schräg gegenüber von meinem idyllischen Schlafplatz, nur wenige Kilometer elbaufwärts, liegt auf der anderen Elbseite das abgeschaltete Atomkraftwerk Stade. Ist ja abgeschaltet, freue ich mich. Und verdränge, dass auf dem Gelände noch für Jahrzehnte bis zu 3000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Müll in einbetonierten Fässern gelagert werden sollen. Wie die anderen drei Atomkraftwerke rund um Hamburg, Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf, ist auch das AKW Stade wegen einer fehlenden Endlagerlösung zwangsläufig zu einem Zwischenlager für radioaktiven Müll geworden. Teilweise – wie in Brunsbüttel – gibt es hierfür nicht mal eine Betriebsgenehmigung.

Direkter Nachbar des Atomkraftwerkes in Stade ist ein Aluminumwerk, dessen rotbraune Schlammhalden von einem fünfzehn Meter hohen Damm verdeckt werden. Etwas westlich davon liegt der ebenfalls rotbraun aus dem Grün des Marschlandes hervorstechende Rotschlammsee von der Größe der Hamburger Außenalster. Auch er ist abgesichert durch einen riesigen Damm und nur aus der Luft zu sehen. Aber Google Maps verbirgt ja fast gar nichts.

Unvermittelt vermeldet das Gehirn Irritation beim Blick auf die Karte, aus der die schreiende Farbe des Sees aggressiv hervorsticht. Die Betreiber des Aluminiumwerkes meinen ja, der See sei nicht giftiger als jede haushaltsübliche Mülldeponie. Ich entscheide, ihnen zu glauben und überrede mein Gehirn, Ruhe zu geben. (Wie giftig ist eigentlich so eine haushaltsübliche Mülldeponie?) Die Bewohner von dreizehn zwangsumgesiedelten Dörfern im westafrikanischen Guinea, aus denen der Rohstoff Bauxit hierher verschifft wird, sind indes nicht so begeistert von der Verwüstung und Vergiftung ihres Landes durch den Bauxitabbau für unser Aluminium und klagen seit 2019 bei der Weltbank auf Wiedergutmachung.

In diesem Bild hat sich ein Rotschlammsee versteckt. Findest du ihn?

Wäre mein Blick nicht durch eine weite Biegung des Flusses versperrt, könnte ich noch weiter die Elbe hinaufschauen bis nach Brunsbüttel und Brokdorf. In Brunsbüttel steht nicht nur ein weiteres abgeschaltetes Atomkraftwerk, das nun als Zwischenlager fungiert, sondern gleich ein ganzer Industriepark. Park klingt immer so schön harmlos. Park klingt nach grünen Wiesen, in Tiersilhouetten geschnittenen Hecken, Sitzgelegenheiten und Rosenbüschen. Vielleicht noch mit einem kleinem Springbrunnen, Minigolf und Spielplatz. Industrie hingegen klingt nach rauchenden Schornsteinen, dröhnenden Maschinen und rotbraunen Schlammseen.

Die Worte „Industrie“ und „Park“ wollen deshalb in meinem Kopf nicht so recht zusammenkommen. Der tatsächliche Name „ChemCoast-Park“ macht es auch nicht viel besser. Wie sieht es wohl aus, in so einem Chemieküsten-Park, der sich selbst als „Vorreiter bei Nachhaltigkeit“ bezeichnet? Flanieren hier die Mitarbeiter*innen der Chemie- und Ölindustrie Hand in Hand durch eine abwechslungsreiche Landschaft aus bunten Rohren, grauschwarzen Halden und runden Speichern? Verkaufen sie an geschmückten Verkaufsständen in praktischen Mehrwegsäcken ökologische Düngemittel an dankbare Bio-Bauern aus der Region? Sind die hier produzierten Weichmacher für die Innenausstattung von Autos vegan? Kann man sich das Benzin aus dem Erdöl von Deutschlands einziger Ölplattform mitten im Nationalpark Wattenmeer selbst abfüllen? Ich denke, der ChemCoastPark Brunsbüttel muss ein zauberhaftes Plätzchen sein und widme mich zufrieden meinem Abendessen.

Denn dunkel wird es langsam, nur zwei Menschen sind noch in der Abenddämmerung vorbei gekommen und haben freundlich dIie wenigen Teile von mir gegrüßt, die noch nicht vollständig im Schlafsack verschwunden waren. Fühlt sich Kälte im April eigentlich kälter an als im Januar? Die Nacht wird dann ohne Schlaf vergehen, allerdings weniger wegen der Kälte, sondern weil es so viel zu schauen gibt. Der Halbmond spiegelt sich glitzernd auf dem schwarzen Wasser. Rot und gleichmäßig blinken die Lichter der Strommasten, deren Kabel sich weit über die Elbe spannen.

Ein Containerschiff mit weihnachtlich anmutender Beleuchtung brummt vorbei. Wenn es in der Dunkelheit schon kaum mehr auszumachen ist, verstärkt sich als Folge der Verdrängung des Wassers plötzlich die Brandung der Elbe, wird lauter und scheint auch näher zu kommen. Tatsächlich zieht sich das Wasser aber zum Glück mit der Ebbe zurück. Um nasse Füße brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Früh morgens zwitschern dann Stieglitze und Wiesenpieper, die Sonne spiegelt sich auf der gefrorenen Feuchtigkeit auf meinem Schlafsack und trotz Schlafmangel und Industriepark, trotz Zwischenlager und Alusee durchströmt mich ein unvergleichliches Glückgefühl, wie ich es nur erlebe, wenn ich eine Nacht in der Natur verbracht habe.

Nach dem Frühstück, das bei mir immer aus mit kaltem Wasser übergossenem Müsli besteht, versuche ich noch kurz vergeblich, den Sand aus meinem Ohren zu pulen und packe schließlich meine Sachen. Weil ich auch „Vorreiterin bei Nachhaltigkeit“ sein möchte, sammle ich noch ein paar Capri-Sonnen und anderen Müll ein, von dem nicht wenig hier herumliegt und belade damit mein Rad. Auf dem Rückweg staue ich noch über einen steil auffliegenden und dabei alarmierend laut singenden Wiesenpieper, der seinem Namen heute sicher nicht gerecht wird. Als Piepen würde ich das hämmernd ansteigende Trillern, mit dem er bei den Spaziergängerinnen und Spaziergängern jede Menge Aufmerksamkeit erzeugt, jedenfalls nicht bezeichnen.

Mir kommen Menschen mit Picknickdecken, Grillkohle und Federballschlägern entgegen, die sich auf einen sonnigen Nachmittag am Wasser freuen. Sie kommen. Ich fahre. Und freue mich auf mein Bett.

2 Gedanken zu “Zwischen Industrieromantik und Strandfeeling – #12Monate12Nächte, Nacht Vier

  1. Vielen Dank für einen coolen Beitrag! Man lernt so viel Neues hier. Unfassbar wie die Natur und die Industrie nebeneinander existieren können. Im April war ich auch in Fichtelgebirge unterwegs, auch dort war es unglaublich kalt! Allerdings, habe ich mit meinem Sohn im Zelt übernachtet und mit dem Gaskocher gekocht. Halb so schlimm:)

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