Andrea sucht den Kauz – #12Monate12Nächte, Nacht Zwei

Andrea sucht den Kauz als Podcast hören. Oder hier bei Spotify.

Am deutlichsten in Erinnerung ist mir die Stille. Kein Vogelzwitschern, kein Blätterrascheln, kein Wind, nicht mal ein in der Ferne vorbeifahrendes Auto war zu hören. Die Bäume warfen im Licht des Mondes scharfe Schatten auf den moosbedeckten Waldboden, der kleine Waldsee glitzerte in dem fahlen Llicht – aber auch er lag glatt und vollkommen still. Die Stille war mir zuerst unheimlich. Sie schien so umfassend und endgültig. Als wäre in dieser Nacht plötzlich alles Leben vorbei. Könnte nicht wenigstens ein leichter Wind wehen und in den Baumkronen ein freundliches Rascheln erzeugen? Könnte nicht ein Specht noch kurz vorm Schlafengehen ein wenig Hämmern? Oder eine übermütige Meise zwitschern? Schließlich war es noch gar nicht besonders spät, gerade mal acht Uhr abends.

Und noch aus einem anderen Grund war mir die Stille nicht sehr recht. Auch wenn ich im Allgemeinen nichts gegen ein wenig Stille einzuwenden habe, war sie nicht der Grund, weshalb ich meine Großstadt verlassen und nach zwei Stunden Zugfahrt noch acht Kilometer vom kleinen niedersächsischen Dorfbahnhof hierhergelaufen war. Grund war im Gegenteil ein Geräusch. Das Geräusch eines rufenden oder besser: balzenden Sperlingskauzes wollte ich hören. Und hier irgendwo sollte er sich aufhalten. Das hatte ich von einem alten Freund erfahren, der Vögel sehr liebt, nicht nur Käuze übrigens, und der in der Nähe wohnte.

Der Kauz

 „Wie macht denn so ein Sperlingskauz?“ fragte eine Bekannte aus der Stadt mich einige Tage zuvor in der Erwartung, dass ich aufgrund des sagenhaften Klangbildes diesem Vogel, von dem sie noch nie gehört hatte, ganz alleine im dunklen Wald aufzulauern bereit war. „Ungefähr so“, sagte ich und machte „Phü“. Sie schaute mich an und nach einer kurzen Pause antwortete sie: „Mehr nicht?“

Ich überlegte kurz. „Doch, manchmal macht er auch Phü und dann noch Phü phü phü phü phü phü, in der Meldodie aufsteigend.“ Zur Bestätigung und um ihre Begeisterung vielleicht doch noch zu wecken, zitierte ich die Beschreibung des Rufs aus dem Kosmos-Vogelführer: „Wie Luftpumpe mit Finger auf Öffnung“. Ich holte sogar extra eine Luftpumpe aus dem Keller, um ihr den Gesang des Sperlingskauzes vorzuführen. „Phü. Phü phü phü phü phü phü.“ Sie war nicht überzeugt. Und es ist auch wirklich schwer zu erklären, warum man mit sehr viel Gepäck auf dem Rücken alleine durch einen nicht mal besonders naturbelassenen Wald läuft, um dort viele Stunden darauf zu warten, dass ein kleiner Vogel „Phü“ macht. Oder „Phü. Phü phü… „, na, ihr wisst schon. Man wird den Vogel mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einmal zu sehen bekommen, denn zu allem Überfluss ist er sehr klein – wie der Name schon vermuten lässt nur etwa so groß wie ein stark übergewichtiger Sperling – und am liebsten im abendlichen Schummerlicht aktiv.

Der Wald

Ich stapfe also an einem sonnigen Februarsamstag durch diesen Wald im äußersten Osten Niedersachsens, um ein Plätzchen zu finden, wo ich mich für die Nacht niederlassen kann. Die Zugverbindungen sind schlecht, die Wettervorhersage trocken, weshalb ich beschlossen habe, die Nacht hier im Wald zu verbringen und mich vom Käuzchen in den Schlaf singen zu lassen. Vorsichtshalber und zur besseren Kauzkommunikation habe ich auch die Luftpumpe eingesteckt. Ich finde ein wundervolles Plätzchen, das sich so plötzlich und überraschend vor mir öffnet, dass ich erstaunt stehen bleibe.

Dazu muss man wissen, dass der Wald, durch den ich laufe, ein Wirtschaftswald ist, zerschnitten von schnurgeraden, von Forstfahrzeugen aufgewühlten Wegen, aufgeteilt in viele kleine Rechtecke, wobei jedes Waldrechteck seinen ganz eigenen Charakter hat. In einem Rechteck dominieren hohe Laubbäume und fuchsbraune Buchenblätter bedecken den Waldboden. Es ist die Art Wald, die einen ganz ruhig und freundlich macht.

Dann wieder kommt ein Rechteck dunkler Soldatenfichten, die unteren zwei Drittel der Bäume nur mit toten unbenadelten Ästen versehen, erst weiter oben sind wieder Nadeln auszumachen. Die Fichten stehen in Reih und Glied, der Waldboden ist trocken und dunkel, hier wächst nicht mal etwas Moos und man schaut in die militärgeraden Baumreihen wie in ein Spiegelkabinett, in dem eigentlich nur ein einziger Baum steht, dessen Spiegelbild sich aber hundertfach reproduziert. Es ist die Art Wald, in der man nicht verloren gehen möchte.

Dann wieder kommt ein Wald-Rechteck, in dem der Blick zuerst auf den dunkelgrünen, dicht moosbewachsenen Boden fällt, in den ich mich am liebsten sofort hineinwerfen möchte. Das tue ich dann auch. Ich werfe den Rucksack ab, liege rücklings im Moos, versinke tief darin, meine sogar, wie in einem Wasserbett noch etwas nachzufedern. Die zartgrünen Moosbäumchen wirken plötzlich riesig, wie sie so direkt vor meinen Augen stehen. Über mir recken sich blattlose Bäume hoch hinauf, auch sie grün bemoost auf ihrer nördlichen Seite und mir gefällt, dass sie alle verstreut in gebührendem Abstand zueinander stehen, etwas Licht hineinlassen und sich diskret zunicken. Das ist mir die liebste Art Wald.

Manchmal tauchen an einem Waldstück auch schwarz-gelbe Schilder auf, auf der eine kleine Eule zu sehen ist. Das macht mir Hoffnung, dass mein Unterfangen nicht ganz unsinnig ist. Später lerne ich jedoch, dass die Eule zum Einen eine Waldohreule und kein Sperlingskauz ist, und außerdem nur als eines der raren Überbleibsel der DDR Naturschutzgeschichte die Begrenzung eines Naturschutzgebietes anzeigt. Das tut die Schild-Eule allerdings auch in anderen, gänzlich eulenlosen Naturschutzgebieten in Niedersachsen.

In diesen mit Eulen beschilderten Rechtecken ist der Wald meist ganz durcheinander geraten. Kreuz und quer liegen Bäume auf dem Boden, einige wurde beim Umstürzen von ihren Mitbäumen gebremst und sind in einer bedrohlichen Schräglage hängengeblieben. Auf ihnen wächst und wuchert es nur so von Pilzen und Flechten in den abenteuerlichsten Neonfarben. Fichten, Buchen, kleine Birkengruppen, Eichen stehen durcheinander, wachsen umeinander herum und untereinander durch.

Die Soldatenfichten gegenüber schütteln die Köpfe über so viel Unordnung und Lärm. Denn in den Fichtenreihen ist es still. Totenstill möchte man sagen. „Wir haben es eben gern ruhig!“ verteidigen sich die Soldatenfichten beleidigt. Hier aber, in all dem Durcheinander hört man plötzlich das Hämmern und Kixen eines Buntspechtes, ein Kleiber schreit durchdringend, während er kopfüber eine Eiche herunterläuft. „Schaut her!“ schreit der Kleiber. „Ich kann kopfüber eine Eiche herunterlaufen! Keiner außer mir kann das!“ Und da hat der Kleiber recht.

Die Geräusche

Wenn man sich still hinsetzt und etwas wartet, wird man nach einer Weile auch noch andere Vögel zu hören bekommen, vielleicht einen Trupp „Pink!“ rufender Buchfinken oder ganz, ganz leise von weit oben aus den Nadelbäumen das zarteste aller Vogelgeräusche, das hauchfeine Ziepen des Wintergoldhähnchens, des kleinsten Vogels in Deutschland. Damit man ihn trotzdem nicht übersieht, plustert er sich gern auf und ist oben auf dem Kopf mit einem knallgelben Warnstreifen versehen, den er einem kopfüber an einem Ast baumelnd entgegenstreckt. Wer ein Wintergoldhähnchen aus der Nähe entdeckt, wird sich sofort in es verlieben, weil es einen aus riesigen dunklen Augen anschaut, allerdings nur kurz, dann baumelt es schon wieder an einem anderen Ästchen oder flattert nervös vor einem Tannenzapfen herum.

Oft ist es nämlich gar nicht so still im Wald wie man meint. Es ist nur so, dass die Geräusche immer schon weg sind, wenn man selber kommt. Man bewegt sich quasi in einer Art Stilleblase durch den Wald. Denn obwohl man selber der Meinung ist, dass man vollkommen lautlos vorangleitet wie man so schweigend Fuß vor Fuß setzt, ist man aus Sicht der Waldtiere doch eigentlich ein Wesen vom Format eines Elefanten. Ein stinkender, trampelnder und laut schnaufender Elefant dazu. Eine Kreuzotter spürt menschliche Schritte wie donnernde Elefantentritte und verzieht sich lieber, ein Wolf hört den Menschen aus weiter Entfernung schnaufen. Ein Reh kann einen Menschen hunderte Meter gegen den Wind riechen. Wittern nennen das beschönigend die Jäger, aber es bedeutet doch nichts anderes, als dass sie einen riechen, wie man so meilenweit in die Landschaft stinkt.

Das Stinken kann man schlecht einstellen, aber ein Gestank, der sich bewegt, beunruhigt Tiere mehr als ein Gestank, der eine Weile bewegungslos auf einem Baumstamm sitzt. Sie gewöhnen sich daran und schauen interessiert vorbei, ob sich an dem Gestank vielleicht doch knabbern ließe.

An dieser Stelle war mir die Kinnlade heruntergefallen.

Mir war also an einer Stelle inmitten der Wald-Rechtecke die Kinnlade heruntergefallen. Auf meiner Karte ist diese Stelle mit einem kleinen hellblauen Fleck markiert, der auf eine Wasserstelle hinweist. Hier bin ich vom schnurgeraden Forstweg abgebogen, über ein paar Baumstämme gestapft und stehe plötzlich vor einer Art Oase. Ein amöbenförmiger kleiner See öffnet sich, umstellt von hohen Kiefern. Am südlichen Ufer gibt sogar eine kleine Lichtung mit einer Wiese den Blick frei. Der riesige Jägeransitz mit Blick auf den See schüchtert mich zwar etwas ein, aber sehr schnell ist klar: Hier will ich übernachten!

Der Vogelfreund

Der Vogelfreund und ich sind am Rande des Waldes verabredet. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut habe, laufe ich noch eine halbe Stunde wieder auf schnurgeraden Wegen durch den Wald, um den Freund zu treffen. Es ist schön, ihn zu sehen, weil er sehr nett ist. Und weil er auch ein klein wenig kauzig aussieht mit seinem langen graublonden Haar, dem Bart und den aufmerksamen blauen Augen. Einen blauäugigen Kauz gibt es natürlich nicht, soweit ich weiß. Es gibt orangeäugige Uhus und gelbäugige Raufußkäuze und dunkeläugige Waldkäuze. Aber gäbe es blauäugige Käuze, würden sie sicher meinem Vogelfreund ähneln.

Der Vogelfreund war am Vorabend schon da und hatte den kleinen Sperlingskauz gehört und sogar gesehen. Auf dem Foto, was er zum Beweis schickte, war außer scherenschnittartigen Umrissen zwar nicht viel zu erkennen. Es hätte auch ein gegen den hellen Himmel gehaltener mit dickem Brotteig umwickelter Stock sein können. Aber weil Ornithologen und Ornithologinnen vertrauenswürdige Menschen sind,  glaubte ich ihm. Ornitholog*innen sammeln gerne Vogelarten und kreuzen sie in ihren Vogelbüchern ab oder führen komplexe Exceltabellen darüber, wann sie wo mit wem bei welcher Wetterlage einen Drosseluferläufer gesehen haben, welches Geschlecht dieser hatte, wie alt der vermutlich war und was er gestern gegessen hat. Viele Notizen verfassen sie auf Lateinisch und benutzen Abkürzungen, um noch vertrauenswürdiger zu wirken. „Vanellus vanellus, immatur, 1. Jahr, mask.“ bedeutet zum Beispiel, dass sie einen männlichen Kiebitz im Teenageralter beobachtet haben.

Das soll der Kauz sein? Copyright: C. Wöckener

Das Anlocken

Mein Vogelfreund und ich laufen eine ganze Weile durch den Wald, bleiben dabei immer wieder stehen und lauschen in die Stille, die nur vom klagenden Ruf eines Schwarzspechtes hin und wieder mehr betont als unterbrochen wird. Ab und zu versucht mein Vogelfreund sogar, den kleinen Sperlingskauz anzulocken, indem er seinen Ruf imitiert. Er macht das so gut, dass ich kurz zusammenzucke und denke: Das war er jetzt, der Kauz! Aber leider war es nur mein Freund.

Das Anlocken von Vögeln durch Imitation ist eine große, bewunderte, aber auch umstrittene Kunst. Es gibt einen Herren, der sogar CDs verkauft, auf denen man hört, wie er Vögel und auch andere Tiere imitiert. Dabei pfeift der Mann nicht nur oder grunzt und bellt, sondern er übersetzt auch Vogelgesang in eine Art Fantasiesprache, wenn ihm das Nachpfeifen zu komplex erscheint. Die Nachtigall zitiert er zum Beispiel so: „Vatti Vatti vatti vatti – kwoi. Vattikwooi. Tüüüüüü tü tü tü tüüüüü.“ Und so weiter. Das ist unbestritten faszinierend. Imitiert man einen Vogel in der freien Natur, und macht man dieses sehr gut, wird ein echter Vogel einen Artgenossen mit etwas seltsamem Akzent hören, der ihm womöglich das Revier streitig macht, das Futter stielt oder die Auserwählte umschwärmt.

Es ist eine naive menschliche Unterstellung, dass einander unbekannte Vögel sich zunächst gegenseitig gute Absichten unterstellen und mit freudigem Gesang begrüßen. Die traurige Wahrheit ist: Sie beschimpfen sich. Diese Misstrauen ist für uns Menschen schwer zu verstehen, denn niemals würden wir auf die Idee kommen, vollkommen friedlichen, von außen zu uns kommenden unbekannten Menschen böse Absichten zu unterstellen oder sie gar zu beschimpfen. Das wäre ja unzivilisiert und menschenfeindlich, und wir sind ja schließlich keine Käuze.

Das Beschimpft-werden stresst jedenfalls den Vogel, er singt beziehungsweise schimpft selber umso lauter zurück, nähert sich etwas und sieht statt eines konkurrierenden Artgenossen nur einen Menschen mit gespitzten Lippen herumstehen. Das stresst ihn noch mehr.

Deshalb übertreibt es mein Vogelfreund auch nicht mit dem Anlocken. Außerdem haben wir uns viel zu erzählen und schaffen es nicht immer, so still zu bleiben, wie es sich bei der Vogelbeobachtung geziemt. Um es kurz zu machen: Wir suchen ungefähr drei Stunden lang nach dem Spauz, wie wir ihn inzwischen nennen, um Energie zu sparen, denn es ist kalt geworden im Wald und wir brauchen jede Kalorie.

Die Dunkelheit

Als es zu dunkel geworden Ist, um ein Kreuz im Vogelbuch zu machen, geben wir auf. Mein Vogelfreund ist enttäuscht. Er findet, wir haben zu viel geredet und da hat er sicher recht. Man sollte nicht zusammen im Dunkeln einen versteckt lebenden Vogel suchen, wenn man befreundet ist, aber sich sehr lange nicht gesehen hat. Noch dazu, wenn eine Pandemie freundschaftliche Kontakte derart beschränkt, dass man ganz ausgehungert nach sozialer Interaktion ist, wenn man plötzlich mal wieder jemanden trifft.

Wir verabschieden uns. Mein Vogelfreund steigt auf sein Rad und ich sehe seinem roten Fahrradlicht hinterher, wie es immer kleiner wird und schließlich hinter einer Kurve verschwindet. Ich stehe noch eine Weile so da und stelle plötzlich fest, dass es gar nicht mehr so dunkel ist. Ein fast fertiger Vollmond scheint durch die dunklen Astgerippe auf den Waldboden und verziert ihn mit geheimnisvollen Schatten. Ich habe noch ungefähr eine halbe Stunde Fußweg zu meinem Zelt vor mir und bin froh über den silbrigen Schein.

Eigentlich habe ich keine Angst im Dunkeln. Ich habe eigentlich auch nur ganz wenig Angst davor, alleine im Wald zu übernachten. Ich bin insgesamt kein sehr ängstlicher Mensch, eher so ein durchschnittlich ängstlicher Mensch. Überrascht stelle ich fest, dass ich jedoch sehr wohl Angst bekomme, wenn ich eine halbe Stunde lang alleine durch einen nur von Mondlicht etwas aufgehellten und sehr, sehr stillen Wald laufe. Plötzlich bin ich auch nicht mehr sicher, ob mein Zelt noch dort steht, wo ich es aufgebaut habe. Was, wenn ärgerliche Jäger es einfach abgebaut haben? Was, wenn gelangweilte Jugendliche dort ein Schäferstündchen halten? Oder ein paar Wildschweine mein Frühstücksmüsli gerochen und sich durch die Zeltwand hindurch bis zu meinen Vorräten hindurch gekaut haben?

Die Angst

Ich spüre, wie sie von den Füßen her langsam hockkriecht, die Angst. Schritt für Schritt arbeitet sie sich über Knie, Po und Hüfte zum Bauch vor. Dort lässt sie sich nieder und macht es sich schön gemütlich. Wie ein zäher Kloß drückt die Angst vom Bauch aus auf die Knie und macht sie ganz weich. Der Magen wird schwer und als die Angst noch einen Ableger schräg hoch zum Herzen schickt, beschleunigt sich mein Puls. Ich verlassen den Asphaltweg, biege in den schmalen Forstweg ab, der zu meinem kleinen See führt. Hier schalte ich meine Stirnlampe ein, denn der Wald ist hier so dicht, dass das Mondlicht nicht mehr jede Baumwurzel erreicht, die sich um meine Füße schlingen will.

Kurz bevor ich meine, gleich vor Angst in Ohnmacht zu fallen, wirft die Stirnlampe einen schmalen Lichtkegel auf mein Zelt. Es steht da noch genau so, wie ich es vor ungefähr vier Stunden verlassen habe. Fast bin ich ein bisschen enttäuscht. Keine Baumwurzeln, die sich würgeschlangengleich um meine Beine wickeln wollen, keine jugendliche Attacke auf meinen Schlafplatz, keine räubernden Wildschweine und – naja, leider auch kein Sperlingskauz.

Als ich mit einer heißen Tasse Tee vor dem Zelt sitze und auf den Mond schaue, der die wenigen Eisschollen, die noch vom Winter auf dem See liegen, in glänzende Spiegel verwandelt, hat sich die Angst fast vollständig zurückgezogen. Nur aus der linken Kniekehle lässt sie sich nicht ganz vertreiben. Aber damit kann ich gut leben. „Schau mal, was für eine wunderschöne Nacht das ist“, flüstere ich der Angst zu. Sie antwortet nicht. „Ich sitze hier ganz allein mitten in einem dunklen Wald und werde hier die Nacht verbringen.“ Die Angst zieht etwas an meiner Wade.

Dann lege ich mich schlafen, lausche immer noch etwas ungläubig in die allumfassende Stille, in der wirklich gar nichts mehr zu hören ist. Nicht mal der Mondschein knistert oder wenigstens das Eis auf dem See. Ich schlafe unruhig, träume von winzigen Eulen, die sich beim Wandern auf meinen Rucksack setzen und mich auslachen und noch allerlei anderen Unsinn. Den Kauz habe ich nicht mehr gehört. Aber es war trotzdem eine wundervolle Nacht.

Zwei Wochen später

Der unentdeckte Kauz hat mir keine Ruhe gelassen. Zwei Wochen später fahre ich wieder los, diesmal habe ich das Fahrrad dabei, aber keinen Vogelfreund und auch kein Zelt. Um 14:40 Uhr komme ich mit dem Zug an, um 20:09 Uhr fährt der letzte Zug zurück, dieses Zeitfenster muss reichen. Der Vogelfreund hat den kleinen Kauz direkt am Tag nach unserer erfolglosen Suche noch einmal entdeckt, was mich ziemlich gewurmt hat. Aber er hat mir auch verraten, dass der Kauz gegen 18:30 Uhr besonders kommunikativ zu sein scheint und so ist mein Plan diesmal: Anstatt viel herumzusuchen, lege ich mich einfach ab 17 Uhr in den Wald und spitze die Ohren.

An einer Stelle, die mir besonders kauzfreundlich erscheint, rolle ich meine Isomatte aus, krieche in den Schlafsack und versuche, zwei Stunden lang ganz ruhig dazuliegen. Ich schaffe 12 Minuten. Dann brauche ich einen Schokoladenkeks. Da ich schon einmal dabei bin und durch das Kekspapier ja sowieso schon Lärm verursache, esse ich lieber gleich die ganze Packung auf. Dann liege ich wieder ganz still. Diesmal schaffe ich 23 Minuten. Dann trinke ich meinen Tee aus und fange an, mit meinem Handy rumzuspielen. Ich will einer Freundin mitteilen, dass ich im Wald auf einen Kauz warte, habe aber keinen Empfang. Ich spiele eine Weile Candycrush.

Wenige Meter neben der Stelle, an der ich liege und auf den Kauz warte, verläuft ein asphaltierter Weg,  und deshalb es nicht ganz so still wie beim letzten Mal am Waldsee. Einmal kündigt ein lauter werdendes Sirren zwei Rennräder an. Die Stimmen der auf ihnen sitzenden und in bunte Folie verschweißten Männer wirken wie Löwengebrüll inmitten der waldigen Ruhe. Dann fährt ein Auto vorbei, das hier gar nicht fahren darf. Ich beginnne, die Kakao-Dattel-Kugeln zu essen, die ich mit der löblichen Absicht gekauft habe, meinen Jieper auf Süßigkeiten mit einer vermeintlich gesünderen Alternative zu kompensieren. Sie liegen süß, dick und kugelig im Mund. Ich esse gleich zwölf davon, dann können die Wildschweine sie nicht mehr riechen. Mein Magen wird sehr schwer, deshalb trinke ich noch einen Tee.

Der Kauz

Um 18:36 Uhr spüre ich Frust aufsteigen. Immer noch kein Kauz, außerdem drückt nun nicht nur mein Magen, sondern auch meine Blase sehr stark gegen meine Bauchdecke. Widerwillig und missmutig schäle ich mich aus dem Schlafsack und hocke mich hinter einen als Sichtschutz eigentlich viel zu schmalen Baum. Mir doch egal, ob mich ein Rennradfahrer beim Pinkeln sieht. Tief in der Hocke sitze ich mit heruntergelassener Hose und lausche auf das Plätschern, das ich selber verursache, als plötzlich:

Phü. Phü phü phü phü phü phü. Ich erstarre. Mit heruntergelassenen Hosen stolpere ich zu meinem Fernglas, das auf meinem Schlafsack liegt. Noch einmal: Phü. Phü. Phü phü phü phü phü phü. Jetzt aus einer anderen Richtung. Meine Augen suchen die Luftpumpe, die auf meinem Gepäckträger klemmt. Unberührt liegt sie da. Es hat sich also auch niemand einen Scherz mit mir erlaubt und die Luftpumpe zum Anlocken verwendet.

Mein Schlafplatz am Waldsee

Allmählich dämmert es mir: Das ist der kleine Sperlingskauz, wegen dem ich diesen ganzen Aufriss gestartet habe! Ein Glücksgefühl durchströmt mich. Ich höre ihn noch einmal. Und dann nochmal. Jedes Mal scheint er ein Stückchen weiter geflogen zu sein. Leider sehe ich ihn nicht. Zu klein und zu behend ist er und zu dämmerig der Abend. Um 18:47 Uhr wird es nach ungefähr acht Phüs wieder still. Allmählich taue ich aus meiner glückseligen Starre auf und finde mich mitten auf dem Asphaltweg wieder, den Blick steil nach oben gerichtet, der Nacken steif, der Kiefer hängend. Ein Sirren nähert sich. Ich kann gerade noch meine Hose hochziehen und mich in den Wald werfen, als der Rennradfahrer an mir vorbeizieht.

Das Ende der Geschichte

Ich schreibe meinem Vogelfreund, dass ich den Kauz gehört habe, und dass er nicht nur Phü, sondern auch Phü phü phü phü phü phü gemacht hat. Wegen des schlechten Empfangs, erreicht mich seine Antwort erst, als ich schon wieder im Zug sitze. „Glückwunsch. Er hat tremoliert“, klärt mich der Vogelfreund auf.  „Genau!“ antworte ich und schlage erstmal das Wort „Tremolieren“ nach. „Beben, zittern“, bedeutet das, aber auch „mit bebender Stimme singen“. Das trifft es wirklich sehr gut!

Kurz vor Mitternacht bin ich wieder zu Hause und kann nicht schlafen. Im Kopf höre ich noch den Kauz und im Magen rumpelt es kräftig. Als ich mich nachts übergeben muss, streicht meine Freundin mir sanft über den Kopf. „Ich glaube“, stöhne ich, „die Kakao-Dattel-Bällchen tremolieren in meinem Magen.“


Copyrighthinweis zu den O-Tönen des Audiopodcasts: Imitation von Nachtigall und Rotkehlchen stammen von der CD „Vogelexkursion mit Uwe Westphal“, Verlag AMPLE Edition, mit freundlicher Genehmigung des Urhebers


Mehr über mein Projekt #12Monate12Nächte könnt ihr >>>hier nachlesen.

#12Monate12Nächte, Nacht 1: Nur eine Nacht im Januar könnt ihr >>>hier nachlesen und hören.

Ein Gedanke zu “Andrea sucht den Kauz – #12Monate12Nächte, Nacht Zwei

  1. Zufällig auf diesem tollen Blog gelandet und direkt abonniert… Der Podcast ist wunderbar und mit angenehmer Stimme eine gelungene Ergänzung!
    Andrea, Du bist meine Mentorin, dass ich es auch bald wage allein in der ‚Wildnis‘ zu nächtigen, denn Park-…ehem.. Campingplätze sind mir auch ein Graus)
    Ich wünsche Dir weiterhin schöne Erlebnisse und viel Erfolg mit diesem schönen Blog!
    Ich freue mich aufs Wiederlesen/-hören.
    Liebe Grüße aus Kölle
    Dagmar

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