Sicher Schlittschuhlaufen

Schlittschuhlaufen in der freien Natur gehört für mich zu den schönsten und leider selten gewordenen Outdooraktivitäten. Das gleichmäßige Gleiten auf einer glatten Eisfläche, das leise Kratzen der Kufen auf dem harten Eis, die ungewohnte Weite und der Perspektivwechsel machen den Kopf frei und die Gedanken klar. So wie hier bei einer Langtour auf dem Mälarensee, der sich über 72 Kilometer zwischen Stockholm und Uppsala erstreckt:

Leider gehört Eislaufen aber auch zu den gefährlichsten Outdooraktivitäten, und damit meine ich keine wunden Knöchel, keine aufgeschlagenen Knie oder Zusammenstöße mit anderen unter Umständen wenig geübten Schlittschuhläufer*innen. Was ich meine, ist das Einbrechen auf einem zugefrorenen See oder Fluss.

Und genau darum soll es hier gehen: Welche Sicherheitsvorkehrungen kann ich treffen, um die Gefahr des Einbrechens zu verringern? Wie komme ich aus dem Wasser, wenn ich tatsächlich eingebrochen bin? Und wie verhindere ich Unterkühlung?

Sicheres Eis gibt es nicht

Um es gleich vorwegzunehmen: In der freien Natur gibt es kein sicheres Eis. Auch nach tage- oder wochenlangen Minusgraden kann die Dicke des Eises auf einem Gewässer von Ort zu Ort und von Tag zu Tag variieren. Eis arbeitet: Es dehnt sich aus, zieht sich zusammen, reißt an einer Stelle auf, presst sich an einer anderen zusammen, bildet Risse, Löcher, Kanten, Blasen und Unebenheiten.

Manche der Tipps, die ich euch hier vorstelle, mögen euch vielleicht übertrieben vorkommen. Mir reichten früher als Sicherheitsausrüstung auch eine Thermoskanne und ein paar belegte Brote. Das ungute Gefühl, das bei mir auf dem Eis immer mitlief, hielt ich für unvermeidbar und wurde schnell vom Spaß an der Bewegung überdeckt. Aber seit ich in Schweden die Kunst professionellen Eislaufens auf schnellen Tourenschlittschuhen kennengelernt habe, bin ich überzeugt: Mit etwas Vorbereitung und der richtigen Ausrüstung macht das Eislaufen noch viel mehr Spaß – und kann im besten Fall Leben retten.

Vorbereitung

  • Erkundige dich vorher bei deiner Gemeinde, ob das Gewässer zum Eislaufen freigegeben ist. Das Eis sollte dick genug sein, am besten mindestens gleichmäßig 15 Zentimeter dick. Die Außenalster in Hamburg wird seit 1997 sogar erst ab einer Dicke von 20 Zentimetern für die Öffentlichkeit freigegeben, zuletzt geschah das 2012.
  • Am sichersten sind überschwemmte Wiesen. Wer hier einbricht, holt sich höchstens ein paar nasse Füße oder blaue Flecken. In manchen Gegenden werden im Winter sogar extra Wiesen überschwemmt, um das Eislaufen zu ermöglichen, wie zum Beispiel die drei Kilometer lange Bremer Semkenfahrt.
  • Gehe nie alleine aufs Eis, damit jemand im Notfall Hilfe holen kann.
  • Sprich andere Menschen auf dem Eis an. Haben sie unsichere Stellen entdeckt? Informiere auch andere darüber, wenn du unsichere Stellen findest.
  • Bereite dich innerlich darauf vor, dass du einbrechen kannst, aber dass du dir auch zu helfen weißt! Spiele im Kopf durch, wie du dich bei einem Einbruch verhalten wirst. Die mentale Vorbereitung kann im Falle des Falles Panik vorbeugen.

Ausrüstung, die Leben retten kann

Wenn jemand im Eis einbricht, muss alles sehr schnell gehen, daher ist die richtige Ausrüstung ein wichtiger Faktor bei der Rettung. Dazu gehört:

  • Rucksack: Brichst du im Eis ein, verschafft ein Rucksack dir augenblicklich Auftrieb. Damit er auf dem Rücken bleibt und nicht von hinten deinen Kopf ins Wasser drückt, führe einen Gurt von der Unterseite deines Rucksackes zwischen deinen Beinen hindurch zu den Hüftgurten oder zum Hosengürtel und befestige ihn. So fungiert der Rucksack als Rettungsweste. Ein luftgefüllter Wassersack oder ein paar leere Plastikflaschen im Rucksack verbessern den Auftrieb.
  • Stöcke: Profis benutzen spezielle Stöcke, um immer wieder die Eisdicke zu testen. Wenn das Eis einem kräftigen Schlag mit dem Stock standhält, ist es wahrscheinlich auch fest genug, um dich zu tragen. Dies ist besonders auf weitläufigen Gewässern und Flüssen wichtig, wo die Eisdecke sehr variabel sein kann. Normale Wanderstöcke sind nicht ganz so stabil, tun’s aber auch.
  • Überlebensdecke: Eine gold-silberne Überlebensdecke gibt’s für einen Euro an Tankstellen und Drogerien und schützt Gerettete vor Unterkühlung.
  • Wechselklamotten: Hab in deinem Rucksack immer ein komplettes Set Wechselklamotten dabei. Bist du aus dem Wasser gekommen und hast das Ufer erreicht, zieh dich so schnell wie möglich um. In nassen Klamotten droht in wenigen Minuten Unterkühlung.
  • Seil, zum Beispiel Kletter- oder Abschleppseil: Ein Seil kannst du eingebrochenen Menschen zuwerfen und sie daran herausziehen. Brichst du selber ein, kannst du ein Seil, das du außen an deinem Rucksack oder an deinem Körper befestigt hast, anderen zuwerfen.
  • Trillerpfeife: Damit kannst du dich im Notfall bemerkbar machen.
  • Isomatte: Eine alte Isomatte aus PE-Schaum hält nicht nur in den Pausen den Popo warm, sondern hilft auch, wenn du dich einer eingebrochenen Person auf dem Bauch robbend nähern möchtest. So wird dein Gewicht auf dem Eis besser verteilt.
  • Aufgeladenes Handy, um Hilfe zu holen.
  • Eigentlich ein Muss, aber leider in Deutschland schwer zu bekommen: „Isdubbar“, auf deutsch wohl am besten mit Eisdorn, Eisnagel oder Eiskralle zu übersetzen. In Schweden hat fast jede*r Schlittschuhläufer*in Isdubbar um den Hals hängen. Damit kann man sich selber aus dem Eis ziehen. Ich habe es mal mit zwei gewöhnlichen Haushalts-Dosenstechern für Kondensmilch probiert. Ich kann nur empfehlen, das mal selber auf dem Eis zu testen, man kommt dabei mit vielen Leuten ins Gespräch ;-).

Und wenn es doch passiert ist…?

  • Wenn du einbrichst, versuche, Ruhe zu bewahren. Das ist sehr schwer, denn dein Körper reagiert auf den Temperaturschock, der dich in Panik versetzen kann.
  • Mache dich lang und bring deine Beine hinter deinen Körper, damit sie nicht unter das Eis rutschen. Lege die Arme dort auf das Eis, wo du eingebrochen bist, und mache Schwimmbewegungen mit den Beinen wie beim Brustschwimmen. So kannst du dich aufs Eis schieben.
  • Wenn du rausgekommen bist: Ziehe dich so schnell wie möglich um und wickele dich in die Überlebensdecke.
  • Trink etwas Heißes und lass dir von deinen Freund*innen helfen, wieder zur Ruhe zu kommen.

Eislaufen auf dem Mälarensee

Ihr wollt auch mal Schlittschuhlaufen auf dem riesigen und teilweise sogar extra gespurten Mälarensee erleben? Demnächst soll man ab Berlin mit dem Nachtzug nach Stockholm reisen können. Mehr dazu hier.

Ein guter Ausgangspunkt für Einsteiger*innen ist die hübsche und geschichtsträchtige Stadt Sigtuna, die von Stockholm aus in einer knappen Stunde mit Bahn und Bus erreichbar ist. Hier geht’s zur Internetseite der schwedischen Bahn.

Von Sigtuna aus ist das Eislaufen auf gespurten Eisstraßen auch ohne viel Erfahrung oder Guide relativ sicher. Im Sportgeschäft Sigtuna Sport Uteliv kann man auch Ausrüstung leihen.

Viel Spaß beim Eislaufen!

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