Nicht schon wieder spazieren

Nicht schon wieder spazieren als Podcast hören

Ich weiß nicht, ob ich schon jemals so viel spazieren gegangen bin wie in der Coronazeit. Allein, mit meiner Liebsten, mit einer Freundin, mit meiner Mutter, mit meiner Schwester. Meistens: durchs Treppenhaus drei Stockwerke runter, dann durchs Viertel, dann runter an die Elbe. Oder: Durchs Treppenhaus drei Stockwerke runter, durchs Industriegebiet, über zwei Friedhöfe, in den Park. Manchmal traue ich mich auch in die U-Bahn fast eine Stunde bis zum Duvenstedter Brook.

Aber der Duv, wie mein liebstes Naturschutzgebiet in Hamburg auch zärtlich gerufen wird, ist seit Corona zu meinem großen Schrecken entweiht und entzaubert. Denn – oh Wunder: Ich bin nicht die einzige, die spaziert. In diesem weit am Stadtrand gelegenen Naturschutzgebiet, wo Kranich und Fuchs einander abends zum Einschlafen wahrscheinlich die Coronainfektionszahlen vorlesen, oder was Kranich und Fuchs sonst halt so machen abends, wahrscheinlich essen, schlafen oder sich verstecken, Tiere können ja nichts anderes, wenn man es mal genau nimmt, worum sie ja auch sehr beneidet werden; in diesem Gebiet also müssen sie sich nun die wenigen Wiesen und Wälder, die der Mensch für sie vorgesehen, eingezäunt und extra beschildert hat, damit sie sich nicht verlaufen, etwa in ein Wohngebiet, aber was soll ein Kranich in einem Wohngebiet? Er macht drei Schritte in einem Vorgarten und knallt dann gegen eine gläserne Verandatür, weil er sein Spiegelbild für eine begrüßenswerte Artgenossin hielt. Oder wird sofort von einem SUV überfahren, dessen Fahrer noch schimpft, „Kannste nicht lesen, oder was? Geh zurück in dein Naturschutzgebiet, du Reiher!“ Was eine üble Beleidigung für den geselligen und majestätisch sowohl fliegenden als auch wunderschön „krruuuh“ rufenden Kranich darstellt, während ein Reiher ja bekanntermaßen Einzelgänger ist und nur ein krächzendes „Äh“ herausbringt.

Dieser so beleidigte Kranich fliegt also mit angeschlagenem Flügel und Selbstvertrauen zurück in den Duv, wo tausende coronageschädigte Spaziergänger*innen in einer langen Polonaise zu spazieren versuchen, sich aber tatsächlich nur mit schlingernden Bewegungen und einander anrempelnd gegenseitig durch ihre Mundschütze zufauchen, das Gegenüber habe aber den Abstand von 1,5 Meter Abstand nicht korrekt eingehalten. Manchmal wird ein Mensch angefaucht, manchmal ein Kranich. Das kann schon mal passieren, wenn der Mundschutz kurz über die Augen rutscht oder die Brille beschlägt. Der Kranich kruuht dann nur müde und stößt dabei allerlei Aerosole aus seiner Luftröhre aus – die übrigens genauso lang ist wie der ganze Kranich groß, nämlich ungefähr einen Meter dreißig – woraufhin die Menschen zurückweichen, denn das Virus könnte ja auch von Kranichen übertragen werden, wer weiß das schon so genau.

Es wird jedenfalls soviel spaziert, dass die Wege der Parks und Naherholungsgebiete schon Rinnen bilden müssten, wo Fuß um Fuß den Sand aufschürft, abträgt, mitnimmt bis in die Treppenhäuser dieser Stadt. Warum hört man so wenig von den vollkommen versandeten Treppenhäusern in diesem Coronawinter, wo alle den von der vielen Spaziererei am Schuh haftenden Sand, Kies und Dreck im Treppenhaus abklopfen, bis man schließlich auch drinnen durch Sand stapft, die Stiefel in verschlammten Treppenstufen stecken bleiben, und man bald gar nicht mehr vor die Tür kommt, weil ein Sandhaufen hoch wie eine Wanderdüne die Wohnungstür blockiert.

Das wöchentlich eingesetzte Reinigungspersonal rückt nun nicht mehr mit Staubsauger und Eimer an, sondern mit Schaufel und Bagger. Es werden sogar Spezialbagger entwickelt, die sich ihren Weg durch Treppenhäuser bahnen können, elegant arbeiten sie sich von Stufe zu Stufe durch den Dreck, schaufeln ihn auf und schütten ihn aus den Fenstern, wo er von fröhlich kreischenden Kindern mit bunten Plastikeimern aufgefangen wird, die genau darauf gewartet haben. Dass die Stadt sich in eine riesige Sandkiste verwandelt.

Doch noch ist es nicht soweit.

Noch gehen wir spazieren. Die Spaziererei geht mir auf den Geist. Immer wieder auswählen zwischen den immergleichen drei bis vier Spazierzielen der Umgebung. Eltern von Kindern, die noch nicht im spazierfähigen Alter sind, haben zwischen drei bis vier Spielplätzen die immergleiche traurige Auswahl. Man sieht die Ermüdung in ihren Augen, Elternaugen, die andauernd zusammengekniffen sind vom vielen Ausdenken. Immerzu müssen sie sich etwas ausdenken für ihre Kinder. Sie können ihre Kinder nicht wie sonst im Zoo vor dem Löwengehege abstellen oder über die Eisbahn schubsen oder wenigstens in der Schule ein paar Stunden sich mit Bildung vollstopfen lassen. Sie müssen nun selber stopfen und wissen gar nicht, wo sie plötzlich herkommen soll, diese ganze Bildung und wie sie eigentlich in das Kind reinkommt.

Man sähe es auch an ihren zusammengepressten Elternmündern, aber die bleiben hinterm Mundschutz verborgen. Zum Glück. So ein Mundschutz kann ja auch ein Segen sein. Vieles an unterdrückten Gefühlen und ungeputzen Zungen, an vernachlässigten Zahnzwischenräumen und gepresster Wut, an Rachengerüchen und Racheglüsten, was sich sonst durch Lippen und Mund in die Außenwelt überträgt, bleibt in diesen Tagen verborgen oder im Mundschutz hängen. Weshalb der Mundschutz regelmäßig 60 Minuten bei 80 Grad im Backofen von Rache, Wut und Frustration befreit werden muss.

Sonst – also vor Corona – wollte man doch gerne immerzu spazieren gehen? Man hat Stunden damit verbracht, seinen Mitmenschen gegenüber mangelnde Spazierzeit zu beklagen. Sogar ein Kranich wollte man sein. „Ach, wäre man doch ein Kranich!“ hörte ich meine Mitmenschen klagen tagaus tagein. Den ganzen Tag könne man dann im Frühjahr über eine Wiese spazieren, die langen, staksigen Beine vorsichtig und grazil aufsetzen und wieder anheben, um auch ja kein Tierchen unter den Füßen versehentlich zu zertreten, das man später gern noch ganz und unversehrt aufessen möchte.

Aber jetzt hat man genug. Man will nicht mehr spazieren. Man will ins Kino oder ins Museum, wo man zuletzt vor sechs Jahren war mit der Tante und dem neuen Mann der Tante, dem Historiker, der am liebsten mit einem roten Edding die Infotafeln zu jedem Objekt korrigieren wollte, wovon man ihn nur mit Mühe und viel Diplomatie abhalten konnte, ohne die Tante zu brüskieren. Man ist dann am Ende doch sehr müde geworden, was nicht nur am Abhalten des Mannes der Tante, sondern auch am Museum lag, weil man sich zu den Objekten durch dicke Schichten uralter und abgelagerter Aerolsole durchkämpfen musste. Nur mit kräftigen Schwimmbewegungen war das möglich und so schwamm man sich zäh durch das Museum, bis man am Ausgang endlich wieder solche Luft schnappen konnte, an deren Verunreinigung man besser gewöhnt war als an dick geschichtete Aerosolablagerungen. Man will endlich wieder ins Museum.

Kommst du mit raus? fragt meine Liebste. Ein bisschen spazieren?

 

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