„1, 2, 3, 4…“ Ringelgänse zählen auf Hallig Hooge

(Veröffentlicht in der Lebensart Westküste, Ausgabe März & April 2018)

Mein linkes Auge ist fest zugekniffen, das rechte presse ich fest auf das Spektiv – ein riesiges Fernrohr zum Beobachten von Vögeln. „Wir fangen bei dem Priel dort an, dann an den Pfählen da hinten entlang rüber bis zur Straße“, ruft Ella gegen den Wind. Mit der einen Hand bewege ich das Spektiv sehr langsam von rechts nach links und blicke über die Weide. Mit der anderen umklammere ich fest ein kleines silbernes Zählgerät und drücke: 1,2,3,4… Nach kurzer Zeit beginnt mein offenes Auge zu tränen, hunderte Ringelgänse verschwimmen durch das Fernrohr zu einer grauschwarzen Masse.

Kann drei Vogelarten gleichzeitig zählen: Ella Papp

Ich muss noch einmal von vorne anfangen und verstehe: Ringelgänse zählen ist etwas für Profis! Es erfordert Geduld, Genauigkeit und Konzentration. Nicht grade meine größten Stärken. Nach 299 gezählten Gänsen schaue ich vom langen Auge-Zukneifen ziemlich schief aus der Wäsche, bin aber auch ein wenig stolz. Denn die Zahl stimmt mit Ellas Schätzung ganz gut überein. „Wir machen das in Hochzeiten wie jetzt jede Woche. Gestern haben wir 14.025 Ringelgänse allein hier auf Hallig Hooge gezählt!“

Dabei hatte sie Unterstützung von ihren drei Kolleginnen und einem Kollegen, mit denen sie gemeinsam ihren Bundesfreiwilligendienst in der Schutzstation Wattenmeer auf Hallig Hooge absolviert. Macht rund 3.500 Klicks pro Person bzw. Daumen, rechne ich heimlich aus und bin beeindruckt. Denn nicht nur die Ringelgänse, auch alle Watvögel und „besondere Gäste“ wie der Seeadler oder sogar einmal ein Wanderfalke werden gezählt. „Also, ich habe immer einen Zähler rechts für die Ringelgänse, einen links für die Nonnengänse und im Kopf zähle ich dann zum Beispiel noch die Austernfischer.“ Mit großen Augen schaue ich Ella an. „Angeblich schaffen manche Ornithologen sogar sechs Vogelarten gleichzeitig!“

„Ringelgänse zählen wie die Profis“ – das ist nur eine von über 80 Veranstaltungen im Rahmen der Ringelganstage an der Westküste und auf den Halligen. Vom „Gottesdienst mit Ringelganseinschlag“ bis zur feierlichen Verleihung der „Goldenen Ringelgansfeder“ dreht sich von Ende April bis Anfang Mai alles um die kleine schwarz-weiße Gans mit dem eleganten „Ringel“ am Hals. Zu tausenden rasten die Ringelgänse auf Wiesen, Weiden und im Watt, um auf dem Weg in ihre Brutgebiete in Sibirien aufzutanken. Einmal Frankreich-Sibirien und damit rund 5000 Kilometer Flugweg heißt es für sie jedes Frühjahr. Wenn sie an der Westküste landen, haben sie schon ungefähr die Hälfte der Strecke geschafft.

Allerdings haben die Ringelgänse auf dem Flug dann schon kräftig abgenommen. Bei der Ankunft an der Westküste wiegt eine Gans rund 1,3 Kilogramm, bis zum Weiterflug sollte sie ungefähr 300 Gramm zugenommen haben. Denn beim Fliegen schwinden die Fettpölsterchen nur so dahin. Was wir Menschen in wenigen Tagen locker mit ein paar Stücken Kuchen erledigen, ist für die Ringelgans harte Arbeit. Denn ihr Verdauungssystem funktioniert erstaunlich schlecht: Nur ein Drittel des Grases, das sie verschlingt, kann sie auch verdauen und in Energie umsetzen. Der Rest kommt als Häufchen unverdaut wieder hinten raus.

Ganz nah: Die Scheu vor dem Menschen haben Ringelgänse abgelegt.

Deshalb mähen die Ringelgänse wie lebendige Rasenmäher das Gras von den Wiesen und fressen, fressen, fressen. Was Naturschützer und Touristen begeistert, ärgert dabei manchen Landwirt. Auf den Halligen bekommen die Bauern Ausgleichszahlungen vom Land Schleswig-Holstein, denn die Ringelgänse fressen den Rindern sprichwörtlich das Futter vor der Nase weg. „Trotzdem sind die Ringelganstage für die Region eine Erfolgsstory“, freut sich Michael Klisch, der die Schutzstation Wattenmeer auf Hooge leitet. Hier begann 1997 die Erfolgsgeschichte der Ringelganstage. „Wir haben seitdem deutlich me

hr Besucherzahlen auch außerhalb der Hochsaison im Sommer. Viele naturbegeisterte Touristen aus Dänemark und der Schweiz kommen auf die Halligen, um die Gänse zu beobachten und an unseren Veranstaltungen teilzunehmen. Für unsere strukturschwache Region ist das ein großer Gewinn!“

Die Ringelgänse lassen sich indes von dem Trubel nicht aus der Ruhe bringen. Nicht nur an der Menge der kleinen schwarz-weißen Gänse lässt sich ablesen, dass es der Ringelgans inzwischen wieder richtig gut geht. Sie haben auch kaum mehr Angst vor uns Menschen, so dass man sich ihnen bis auf wenige Meter nähern kann, ohne dass sie auffliegen.

Das war nicht immer so, erinnert sich Michael Klisch, der schon Mitte der 80er Jahre auf Hooge seinen Zivildienst abgeleistet hat. „Damals sind die Gänse hier in der Mitte der Hallig schon aufgeflogen, wenn jemand zwei Kilometer weiter auf der Westerwarft eine Tür aufgemacht hat.“ Tausende Gänse fielen der Jagd zum Opfer, so dass es Mitte der 80er Jahre insgesamt nur noch rund 25.000 von ihnen gab. Diese Zahl hat sich inzwischen versechsfacht. Allein auf den Halligen und an der Westküste Schleswig-Holsteins rasten nun jedes Jahr 50.000 Ringelgänse. Und dass der Mensch für die Ringelgänse einst die größte Gefahr darstellte, haben sie zur Freude vieler Naturfotografen inzwischen vergessen.

Innerhalb weniger Tage kommen sie im März an und sind Mitte Mai ebenso schnell wieder weg. Ein Naturspektakel, dass sich auch an den zahlreichen Würstchen ablesen lässt, die überall umherliegen. Ella rechnet uns vor: „Alle vier bis fünf Minuten lässt eine Ringelgans ein Würstchen fallen. Das macht ca. 150 Würstchen am Tag. Pro Gans. Zur Höchstzeit haben wir auf Hooge ca. 16.000 Ringelgänse. In dieser Zeit lassen sie also täglich 2,4 Millionen Würstchen fallen!“

Wer genau hinhört, kann die Ringelgänse auch am Ruf ganz leicht von anderen Gänsen unterscheiden: Verglichen mit dem heiseren Krächzen der Nonnen- und dem aufdringlichen Quaken der Graugänse, hört sich das leise „rott rott“ der Ringelgänse eher wie ein vornehmes, erregtes Murmeln an.

Wer erleben möchte, wie eine kleine dunkle Gans für wenige Wochen eine ganze Region in Beschlag nimmt, sollte früh eine Unterkunft buchen und sich ein paar Tage Zeit nehmen. Denn wegen der vielen Veranstaltungen ist die Zeit zwischen April und Mai inzwischen bei Touristen besonders beliebt. Neben naturkundlichen Führungen für Kinder und Erwachsene gibt es auch ein umfangreiches Kulturprogramm: Theaterabende, Konzerte, Vorträge und sogar ein Ringelganskrimi – alles steht im Zeichen der Ringelgans!

Nach einem langen Tag inmitten von Ringelgänsen sitze ich in einem weichen Sessel auf der Fähre nach Nordstrand und schließe die Augen. Und da tauchen sie wieder auf. Lange Ketten schwarz-weißer Gänse ziehen vor meinem inneren Auge vorbei, stehen auf den Wiesen, watscheln über eine Straße. Unwillkürlich beginne ich zu zählen, bevor ich langsam einnicke: “ 1,2,3,4….“

 

 

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