Landunter. Bei Sturmflut auf Hallig Hooge

(Veröffentlicht in der Lebensart Westküste Herbst/Winter 2017/2018)

„Letzte Woche dachten wir es kommt, aber da kam’s nich. Diese Woche denk ich eigentlich nicht, dass es kommt. Aber man weiß nie.“

Und dann kam es doch. Über Nacht. Begleitet von tosendem Sturm, der durch jede Ritze des alten Reetdachhauses unserer Ferienwohnung zog und alle Türen zum Klappern brachte, als würden sie sich leise und aufgeregt Geschichten von früheren Sturmfluten erzählen.

Nordsee. Viel davon.

Herr Wulff, der meine Ferienwohnung in dem 250 Jahre alten Friesenhaus verwaltet, bleibt gelassen. Landunter ist ein zwar seltener, aber auch kein ganz ungewöhnlicher Zustand auf Hallig Hooge. Ein paar Mal im Jahr drückt der Sturm die Flut so stark in die Priele, dass die Hallig vollständig überflutet wird und wie überdimensionierte Maulwurfshügel nur noch die Warften mit ein paar Häusern darauf aus dem Wasser ragen. Ich war schon ein paar Mal auf der Hallig, aber noch nie bei landunter. Das schreibt man übrigens tatsächlich so: klein und zusammen.

Als ich morgens aufwache, dauert es ein paar Sekunden, bis mein noch etwas schläfriges Gehirn beim Blick aus dem Fenster realisiert, dass irgendetwas anders ist als gestern. „Wasser“, flüstert mein Gehirn mir zu. „Sehr viel Wasser.“ Und noch bevor ich richtig realisiert habe, was eigentlich los ist, breitet sich eine seltsame Mischung aus Faszination, Begeisterung und Furcht in mir aus. Wir haben landunter. Meine Ferienwohnung auf der kleinen Warft „Mitteltritt“ ist vollständig von Wasser umgeben.

Hier geht’s sonst zum Halligkaufmann auf der Hanswarft.

Nach und nach ploppen in meinem Kopf lauter Fragen auf: Was passiert eigentlich, wenn am Nachmittag die Flut kommt? Steigt das Wasser dann noch? Wo ist eigentlich der sturmflutgeschützte Schutzraum, von dem angeblich jedes Haus einen besitzt? Wie lange wird das Wasser so bleiben? Hab ich genug Vorräte eingekauft? Auf „Mitteltritt“ gibt es nämlich keinen Laden.

Doch dann siegt die Faszination. Schnell streife ich Regenhose und Winterjacke über meinen Pyjama und drücke die Tür auf, gegen die sich kräftig der Sturm stemmt. Dunkelgrau türmen sich Wolkenhaufen über dem Meer, der Sturm bläst die Kapuze vom Kopf und tatsächlich steht die Nordsee bis an den Fuß der kleinen Warft heran und scheint ein wenig gelangweilt an ihr zu nagen. Es ist ein sehr spezielles Gefühl, nichts weiter tun zu können, als die kleine Warft in drei Minuten zu umrunden. Ich kann nichts einkaufen, nicht die Kirche besichtigen, von der geplanten Wattwanderung zur zwei Kilometer entfernten Sandbank Japsand ganz zu schweigen. Vorsichtshalber gehe ich gleich noch einmal um die Warft herum. Diesmal andersrum.

Dann beginnt das Warten. Und das gestaltet sich alles andere als langweilig. Den ganzen Tag über lässt der Sturm nicht nach. Dafür bricht die Sonne durch die schwarzgrauen Wolkenmassen und lässt die Schaumkronen auf dem unruhigen Meer aufblitzen, auf dem die Eiderenten schwimmend dem Sturm trotzen. In der Ferne ragt der Deich leuchtend grün aus dem Wasser, eine Bank ragt verloren aus den Wassermassen und mit zunehmendem Sonnenlicht scheint der Himmel sich auszudehnen. Und auch in mir scheint sich etwas auszudehnen, wird weiter, leichter.

Die Halligbewohner gehen gelassen mit den Sturmfluten und landunter um. Über die harmlosen Sorgen der Touristen vom Festland können sie nur müde lächeln. Doch auch wenn eine einzelne Sturmflut in der Regel keine große Bedrohung darstellt, ist die Zukunft der Halligen ungewiss. Denn an der Nordseeküste ist der Klimawandel kein theoretisches Problem mehr, sondern bereits Realität: Der Meeresspiegel steigt, Extremwetterlagen drohen zuzunehmen und wie lange die Schutzmaßnahmen noch ausreichen, ist ungewiss. Stürme wie Xaver im Dezember 2013 richteten in der Vergangenheit auch auf Hallig Hooge großen Schaden an. Längst beschäftigen sich Wissenschaftler mit teilweise abenteuerlich klingenden Schutzmaßnahmen: Einer möchte tonnenweise Sand aus der Nordsee abtragen und entlang aller Inseln und Küsten aufschütten lassen. Ein anderer will alle Häuser auf Pontons setzen, die bei Flut auf dem Wasser schwimmen.

Auch in der Tierwelt macht sich der zunehmende CO2 Ausstoß bemerkbar. Vor allem die Muscheln leiden darunter, denn nicht nur in der Atmosphäre, sondern auch im Wasser wird mehr CO2 aufgenommen und reagiert dort chemisch. Der Ph-Wert des eigentlich basischen Wassers verändert sich: Die Nordsee wird zunehmend saurer. Das greift z.B. besonders die kalkhaltige Schale der Herzmuschel an, die wiederum ein wichtiges Nahrungsmittel für viele Zugvögel ist.

All das kann man auf einer der Wattführungen der Schutzstation Wattenmeer erfahren, die hier auch im Winter fast täglich angeboten werden. Die 19jährige Charlotte, die nach ihrem Abi 13 Monate lang ihren Freiwilligendienst auf Hallig Hooge absolviert, führt mich und zwei weitere Touristen am nächsten Tag kompetent durch das Watt. Es ist Anfang Januar und zu dieser Zeit verlieren sich nur wenige Übernachtungsgäste nach Hallig Hooge.

Im Laufe des gestrigen Abends haben sich die Wassermassen ganz langsam zurück gezogen. Mit spritzenden Fontänen traute sich sogar schon das Postauto durch die knöcheltiefen Pfützen, die noch auf der einzigen Straße der Hallig standen. Am nächsten Tag zeugen nur ein paar überschwemmte Wiesen von dem Spektakel des Vortages. Dafür sind die Temperaturen nun unter Null Grad gesunken, Eisblumen haben sich an Muscheln und die kleinen Sandhaufen der Wattwürmer gesetzt und glitzern im Sonnenschein um die Wette.

Unvergesslich: Eine Wattwanderung im gefrorenen Watt

Wir wollen dem auflaufenden Wasser und dem Sonnenuntergang entgegen gehen, unter unseren Gummistiefeln knirscht und schmatzt der vereiste Meeresboden. Hier und da bleibt Charlotte stehen und hebt etwas auf: „Das hier ist die kleinste, schnellste und häufigste Schnecke des Wattenmeeres – eine Wattschnecke.“ Doch kaum beugen wir uns über ihre Fingerspitze, auf der ich nur einen millimetergroßen Krümel erkennen kann, wird das kleine Wesen schon vom Wind erfasst und weggeblasen. Die Wattschnecke kann sich kopfüber an die Wasseroberfläche heften und dann mit einer Welle „mitsurfen“. Auf diese Weise erklärt sich auch ihre hohe Reisegeschwindigkeit – von wegen lahme Schnecke!

Bleibt man zu lange auf einer Stelle stehen, sinken Fuß und Stiefel langsam im Watt ein, deshalb laufen wir weiter, bis wir die Wasserkante erreichen und staunend der Flut dabei zuschauen, wie sie in wenigen Minuten unsere Füße umspült und wir unwillkürlich zurückweichen. Eine Wanderung durchs Watt sollte man tatsächlich nie auf eigene Faust unternehmen, es sei denn, man kennt sich sehr gut aus und hat vorher die Zeiten von Ebbe und Flut geprüft. Bevor wir losgegangen sind, hat Charlotte zur Sicherheit sogar ihre Kolleginnen in der Schutzstation angerufen und Bescheid gegeben, mit wie vielen Leuten sie wie lange im Watt unterwegs sein wird. Einen Kompass und ein Seil hat sie auch dabei. „Falls plötzlich Seenebel kommt. Das kann sehr schnell gehen und dann verläuft man sich leicht.“ Bei Nebel würde sie uns mit dem Seil aneinander binden und per Kompasskurs zurück zur Hallig führen. Sofort steigt in mir das Gefühl hoch, Teil eines richtigen Abenteuers zu sein.

Begleitet vom auflaufenden Wasser gehen wir zügigen Schrittes zurück zur Hallig. Seit eineinhalb Stunden sind wir unterwegs und mächtig durchgefroren. Doch immer wieder blicken wir uns um und stauen, denn am Horizont taucht die immer tiefer gehende Sonne das im Eis glänzende Watt in ein strahlend goldenes Licht.

Zurück am Deich wird leider ein weiteres Zivilisationsübel sichtbar: Plastikflaschen, ein Deodorant, ein Duschgel, ein Spielzeugsieb und Reste von Fischernetzen liegen herum. Auf Langeoog wurden zur Freude des örtlichen Kindergartens gar zehntausende Inhalte von Überraschungseiern angeschwemmt, erzählt Charlotte. Die Tiere des Watts und der Nordsee haben deutlich weniger Freude daran als die Kindergartenkinder. Dass Seevögel, Fische und Wale unter unserem Plastikmüll leiden, gehört inzwischen zum traurigen Allgemeinwissen.

Die traurige Ausbeute eines 30minütigen Spaziergangs.

Auf dem Rückweg zur Ferienwohnung sammle ich alles an Plastikmüll ein, was ich tragen kann. Nach einer Viertelstunde kommt ein ansehnlicher Haufen zusammen. Mein Blick bleibt eine Weile an einem Gummihandschuh hängen, und ich fühle mich plötzlich sehr klein und hilflos. Wovon man sonst nur in der Zeitung liest, wird vielleicht nirgends in Deutschland so sicht- und spürbar wie auf den Halligen.

Ich atme tief durch, entsorge den Müll, schaue noch einmal in den tiefblauen Abendhimmel und entschließe, mich nicht entmutigen zu lassen. Es ist jeden Einsatz wert, dieses kleine, eigenwillige Paradies zu retten, und mag er angesichts der enormen Umweltprobleme noch so hilflos erscheinen.

 

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